Befindlichkeiten, Leben

Der rote Schal

Als ich sie das erste Mal sah, fiel der erste Schnee. Ich trug den roten Schal mit den orientalischem Ornamenten und war das erste Mal in diesem kleinen Trödelladen.
Sie stand hinter der Glastheke und füllte mir ihrem Körper den ganzen Raum dort. Ihr grosser Busen war in einen rosaroten Pullover gequetscht, der wohl niemand ausser ihr so sebstbewusst tragen würde. Der Busen hob sich schwer mit jedem Atemzug, den sie machte.
Mein Eintreten quittierte sie mit einem überschwenglichen Gruss, der ich schüchtern mit einem winzigen Winken meiner Hand erwiederte.

Wir waren alleine in den Laden, sie und ich. Während ich in Kisten mit altem Leinen wühlte, Töpferwaren sorfältig hoch hob und alte Bilderrahmen auf ihre Tauglichkeit prüfte, summte sie glücklich vor sich her.
Ich konnte ihren Blick auf mir spüren, der meiner Spur folgte.
Ihr Trödelladen ist ein Panoptikum an Gefässen und Dingen, die alle eine Geschichte enthalten, wie es auf Flohmärkten üblich ist. Eine Inspirationsquelle sondergleichen. Die einer eigenen Ordnung zufolge angeordnet sind, die ich als chaotisch bezeichnen würde.
Es roch muffig, nach Keller und leicht nach ihrem Parfum.

Ich trug ein paar Fundstücke zu ihrem Tresen mit der Frage, was diese kosten.
Sie lächelte und entblösste damit eine Zahnreihe voller Lücken:
„Nichts. Sie kosten nichts …“
Wo war ich hier gelandet ? Wollte sie am Ende meine Seele für eine alte Zigarrenkiste, einen Kerzenständer und ein paar glitzernde Kristalle ?
„Sie sind hübsch. Mir gefällt ihr Schal, er ist wunderschön. Tauschen wir ?“
Sie war keine üppige Seelenräuberin, sondern an einem Tauschandel mit mir und meinem Schal interessiert. Rot stand mir nie. Ich wickelte ihn von meinem Hals, reichte ihn ihr und ihre Händen streichelten unerwartet sanft über den Stoff, bevor sie ihn um ihre Schultern legte:
„Nehmen sie was sie wollen. Suchen sie sich mehr aus…“ Ihr Arm  ruderte wie eine havarierte Windmühle im Raum umher.

Am Ende hatte ich einen Korb voller Kuriositäten und sie einen neuen Schal.
„Kommen sie mal wieder vorbei ?“ Fragte sie mich.
Ich nickte. Dann ergänzte die Frau:
„Sie mögen Schneckenhäuser. Bis sie das nächste Mal kommen, lege ich ihnen Schneckenhäuser weg. “

Sie konnte nicht wissen, dass ich Schneckenhäuser sammle. Oder doch ?

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2 Gedanken zu “Der rote Schal

  1. die frage ist nur, ob es zählt, wenn andere für dich sammeln. bei mir funktioniert so was meistens nicht so gut … es muss eben selbstgesammelt sein.
    dass sie es wusste? sieht man dir dass denn nicht an *lach*

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