Befindlichkeiten, Fühlen, Leben

Im Scheinwerfer

„Komm“, sagt sie und lächelt kapriziös, „meine Show beginnt in ein paar Minuten“ Ihr Kleid ist paillettenbesetzt, glänzend und passt auf einen roten Teppich. Sie verteilt kleine Handzettel, der auf den Beginn ihrer Show hinweist.
Ich zögere  noch, setze vorsichtig einen Fuss vor den anderen und stehe dann mit unzähligen anderen Menschen als Publikum vor ihrer Bühne. Auf der sie eifrig damit beschäftigt ist, die Scheinwerfer auf die Stelle in der Mitte der Bühne zu platzieren, auf der sie stehen wird. Sie ist auf eine besondere Weise schön. Vielleicht hat sie ein wenig zu gross geratene Vorderzähne. Aber sogar das wirkt unwiderstehlich an ihr.

Dann tanzt sie zur Musik, die sich immer schneller in Cresendo steigert. Wirbelt herum wie ein weisses Blatt Papier, das dem Wind übergeben wurde, hüpfend im Kreis.Inmitten aller Lichter auf den Brettern ihrer Bühne.
Sie ist eine Tochter von Zeus, die zehnte Muse, diejenige, die schöner ist als alle anderen. Deren Schönheit erst voll im Scheinwerferlicht zum Blühen kommt.

Das Publikum hält sich zu Beginn der Vorstellung staunend die Hand vor den Mund, um die Aufführung nicht mit unabsichtlichen Seufzern zu stören. Schaut gebannt zu ihr Hoch: Dem Wirbelwind, dessen Kleid
das Helle der Lampen strahlend reflektiert. Glamurös.

Ich habe diese Vorstellung schon ein paar Mal gesehen, die Faszination ist einer kühlen, beobachtenden Sachlichkeit gewichen. Denn ich kenne die logische Konsequenz: Irgendwann, wenn die Lichter ausgehen, wird das Publikum nach Hause gehen. Wird das Interesse verlieren am Spektakel, das nur einer einzigen Sache dient: Aufmerksamkeit zu bekommen.
Die Menschen werden sich wieder einander zuwenden, miteinander reden, vielleicht ein paar Worte über die Aufführung verlieren. Dann wird sie in den Keller der Vergessenheit fallen.

Die schöne Tänzerin weiss nicht, dass sie womöglich mal aus dem exaltierten Licht heraus in den Schatten der Bühne treten sollte. Um anderen Menschen den Platz im Licht zu überlassen, ihnen Beachtung zu schenken: Uneigennützig und für den einen Zweck, um das glitzernde Licht zu sehen, dass auf die Pailetten des Publikums trifft.

Ich habe das Ende der Vorstellung nicht abgewartet. Heute bin ich früher gegangen.
Als ich mich aus der Ferne zur Bühne umdrehe, nur kurz, wirkt ihre Präsenz plötzlich unsicher und taktlos.

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2 Gedanken zu “Im Scheinwerfer

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