Befindlichkeiten, Leben

Leuchtkäfer

Schritt für Schritt liessen wir uns fallen, gingen langsamer, um uns aus der Herde der anderen zu lösen. Wir liefen so langsam, dass wir irgendwann das vergessene Schlusslicht der Klasse bildeten: Wir waren unsichtbar geworden.
Wir bewegten uns schweigend nebeneinander her, im gleichen Schritt. Bis wir nur noch einen Pulsschlag voneinander entfernt waren und er langsam (ich konnte seine schüchterne Annäherung sehen) mit seiner Hand meinen Unterarm entlang strich. Bis er meine Hand zu fassen bekam.

Ich hatte diese Gänsehaut, die ich noch heute habe, wenn mich jemand sanft an der Innenseite (dort wo die Haut so dünn ist und die Venen als blaue Schatten zu sehen sind) der Arme berührt.

Bestimmte Dinge passieren nicht laut und hart, sondern langsam und genüsslich. Weich. Während die Sonne einem ins Gesicht scheint und die eigene Sicht auf die Dinge flackert, weil die Sonne so sehr blendet und man aber die Augen nicht schliessen will. Um nichts zu verpassen.

Als die Klasse hinter der Biegung auf uns wartete, liess er meine Hand los. Ohne dass er sich von mir verabschieden musste : Wir hatten den gleichen Rhythmus. Innen drinn. Das war sicher.

Abends liefen wir im Dunkeln durch den Kastanienwald des Tessin zu unserem Nachtlager zurück. Wir hatten alle Pizza in einem Grotto gegessen. Der Lehrer war guter Laune und spendierte.
Neben unserem Weg leuchteten kleine, grüne Punkte.Glühwürmchen. Als würden sie Koordinaten für unser Leitsystem setzen. Punkt für Punkt. Am liebsten hätte ich geweint, weil ich so glücklich war und einfach alles richtig schien.
Sogar für die romantischen Lichter war gesorgt.

Wir sammelten soviele Leuchtkäfer ein, wie wir konnten und steckten sie ein ein Glas, das jemand dabei hatte.

Ich weiss nicht, ob sie die ganze Nacht verzweifelt vor sich hin leuchteten, aus ihrem Gefängnis heraus, oder ob sie einfach aufgaben,bevor es Morgen war.
Sicher war: Sie leuchteten nicht mehr, als wir erwachten. Sie sahen blass und irgendwie gewöhnlich aus, im Licht des Tages. Der Zauber war ein momentaner gewesen und verschwunden.

So geht es mir mit vielen Dingen: Auf den ersten Blick erscheinen sie begehrenswert, schillernd, glänzend und irisierend. Bis die Nacht den Dingen den Glanz nimmt. Am müden nächsten Morgen wirken viele Dinge schal und verwaschen.

Ich habe nie mehr so viele Glühwürmchen gesehen wie damals.
Vielleicht haben wir sie alle aufgesammelt ?

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