Fühlen, Leben, Lieben

Die Witwe

Ihre Brüste sind gross, üppig und haben immer die Tenzend, sich aus ihrem Dekollete zu befreien. Als würde eine unbedachte Bewegung ihnen zur Flucht zu verhelfen. Sie hat nie Kinder gestillt. Dieses Tatsache empfindet sie beinahe als tägliche Anklage, wenn sie sich im Spiegel betrachtet: Ihre Brüste waren einzig zum Vergnügen ihres Ehemannes da. Zur Zierde in schönen Kleidern. Ein schöner Blickfang für jene, die ihr beim Betreten eines Raumes nicht ins Gesicht gesehen haben. Sondern den Blick genüsslich dorthin schweifen liessen, wo der Stoff der Kleider eine Zerreissprobe zu bestehen hatten.

Ihr Bauch wölbt sich satt nach vorne, wellt sich ein bisschen. Erinnert an die Gastlichkeit und Gemütlichkeit einer dicken Köchin, die hinter einem Herd steht und schwungvoll in brodelnden Töpfen rührt. Der Bauch hat die Reife, die alte Kulturen noch zu schätzen wussten.

Während ihr Hals dem Alter Tribut zollt und sich, ähnlich der Rinde eines alten Baumes, faltig wellt.Die die Schwerkraft vom Grund der Erde sendet.  Wie eine zartes Gewebe, das etwas wertvolles umhüllt.
Ihr Haut ist makellos weiss. Pergamentartig zart. Eine Provokation ! Findet sie. Eine Anklage wie ihre grossen Brüste: Zu nichts nutze. Nicht mal mehr zum Gefallen ihres Liebhabers, der vor Jahren schon das Zeitliche segnete.

So bleibt ihr nichts, abgesehen von einem grossen Vermögen, und einer einsamen Zukunft. Und eines zügellosen Nachbarn der gerne betont, dass er die Witwe zum Beweis seines guten Willens flachlegen will. Ohne Umschweife seine Hände dort vergraben will, wo die Jugend eine zerklüftete Erinnerung hinterliess.

Standard

6 Gedanken zu “Die Witwe

    • Ich will dir ein Geheimnis sagen: Sie riecht nach dem Aftershave ihres Mannes.
      Seit seinem Tod tupft sie sich jeden Morgen je einen Tropfen davon hinter ihre Ohren.
      Schrullig ist sie und liebenswert.

  1. Ich hab‘ ihr in Gedanken kurz in ihr Dekolleté gegriffen. Das war schön. Nun stellt sich mir dennoch die Frage, ob sie eher immer frei war oder eher unerfüllt. Reich und einsam manifestieren diesen Gedanken für mich auch sehr gut.

    • Sie war zeitlebens frei. So ist zumindest mein Eindruck. Aber sie war auch unerfüllt, was ihren Kinderwunsch betrifft. Ihr Bedürfnis danach Mutter zu sein, hinterliess wohl eine Frustration.
      Vielleicht auch eine latente Wut auf den Mann, der ihr diese Mutterrolle nicht gestattet hat.
      Der ihre Sinnlichkeit genoss und gleichzeitig auf die auschliesslich Sexualität reduzierte.
      Ambivalent eben.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s