Schreiben

Brombeervilla

Unser Haus war wunderschön und hatte ein Blechdach, auf das der Sommerregen so trommelnd niederprasselte, dass wir uns zusammennehmen mussten, um nicht einzuschlafen. Neben der Türe, die keine war weil da nur der leere Türrahmen war, stand eine Holzbank auf drei Beinen. Ein Bein war abgebrochen und wir hatten grosse Steine aus dem Fluss darunter gestapelt, dass der Bank sicher uns zwei trug. 
Wir sassen oft dort und assen Brombeeren, die wir von den Büschen am Waldrand plückten. (Und uns dabei blutige Risse an Armen und Beinen zuzogen) . Barfuss, ohne dass unsere Füsse den Boden berührten.
Die Bank war zu hoch, als dass wir den Boden hätten berühren können.

Wir malten uns in den buntesten Farben aus, wie wir das Haus streichen (weiss oder rosa), eine Tischdecke mit roten Tupfen auf den nicht vorhandenen Tisch legen und Cola trinken. (Cola durfte ich nicht trinken. Meine Eltern waren der Meinung, dieses Getränk schade den Zähnen und mache die Menschen nervös).

Ein Leben lang wollten wir Freundinnen bleiben und in dem Haus zusammen leben. Mit den Männern, die wir mal heiraten. Meine Freundin wollte viele Kinder. Ich nicht. Dafür lieber einen Hund und eine Katze und ein Pferd und ein paar Ziegen und eine zahme Eule.

Das war zu einer Zeit, in der wir noch nicht wussten, dass Häuser nicht einfach so eingenommen werden können und Häuser eine Adresse haben müssen. Unser Haus war nicht einfach zu finden: Man musste den kleinen Weg nach der Brücke links gehen. Dann dem Maisfeld entlang laufen bis zum Ende. Dort bei den Tannen hochkraxeln bis zu den Schafen. Etwas weiter oben stand es dann, als hätte es darauf gewartet, dass wir es aus dem Dornröschenschlaf wach küssen.

Manchmal schrieben wir Briefe an uns selbst, die wir zu unserem (das war es inzwischen eindeutig: UNSER Haus) Haus schickten . Als Adresse schrieben wir Haselnussweg 7 oder Brombeerstrasse 13 oder Pfefferminzbusch 1.
Der Postbote behielt die Briefe selber: Sie fanden nie den Weg zu uns.
Obwohl wir ein grosses Schild aus Papier neben die Türe pinnten, auf dem stand: Post bitte auf den Küchentisch legen. (Mit mindestens 10 Ausrufezeichen. Dass es den Tisch dazu gar nicht gab, störte uns wenig)

Einen ganzen Sommer lang, und das ist eine Ewigkeit für Mädchen in unserem Alter, behielten wir das Haus als unser Geheimnis. Niemand erfuhr davon. Ausser dem kleinen Bruder meiner Freundin, aber das erfuhr ich erst viel später.

Als wir eines Tages nach der Schule dort hoch liefen, war unser Haus entzaubert worden. Geraubt, von einer Sekunde zur anderen entrissen. Mit entsetzten Gesichtern mussten wir einem dürren Männchen in der Kluft eines Bauern zusehen, wie er die kleine Wiese um das Haus herum mähte (Mohnblumen wuchsen dort und kleine, blaue Blumen deren Namen ich nicht wusste !) und dabei hustend in ein Taschentuch aus Stoff schneuzte.

Nein. Ein verzauberter Prinz konnte das nicht sein. Mit Bestimmtheit nicht !

Wir weinten. Beide. Lange und ausführlich. Aber erst nachdem wir weggerannt waren, als der Kauz uns barsch vertrieb, nachdem er uns bei der Tanne entdeckt hatte.

Irgendwann, schworen wir uns zum Trost, werden wir ein eigenes Haus haben. Mit einer richtigen Adresse.

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2 Gedanken zu “Brombeervilla

  1. Was bin ich neidisch! Das Zauberhaus meiner Kindheit bestand aus einer Tischtennisplatte und darüber gehängten Decken und Tüchern. Nicht ganz das Gleiche wie ein Haus hinter Tannen und Brombeerbüschen, aber irgendwie muss man doch in Ruhe träumen können!

    Ein traumhaftes neues Jahr wünsch ich dir!

  2. hach, der stoff, aus dem die mädchenträume sind.
    wir hatten zwar unsere villa kunterbunt, mit brettern von unserem vater direkt ans haus angebaut. oder dann die baumhäuser im wäldchen. doch so ein brommbeerhaus wie du hatte ich leider nie.

    was wäre wohl aus mir geworden, hätte ich so eins gehabt … *seufz*

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