Schreiben

Ansichten einer Strasse

Sie ist hässlich wie eine zerlumpte Frau in geflickten Kleidern, die im Schmutz nach Zigarettenkippen sucht. Ist eine der Kehrseiten dieser Stadt, die sorgfältig vor den Touristen versteckt wird.
Die Huren dort verkaufen sich billig. Vielleicht, weil viele von ihnen schon ihr halbes Leben dort verbringen und in schäbigen Zimmern auf ihre Freier warten, die im Dunkel der Nacht ihre Autos ein paar Strassen weiter parken, damit niemand ihre Autonummern sieht.

Die Fassaden der Häuser verlieren ihre Farbe wie billiges Make up, auf das Leute Graffiti gesprayt haben.
Menschen torkeln mittags betrunken aus dem Restaurant  und streiten auf der Strasse um irgendwas, das nur für sie eine Bedeutung hat. Sie scheinen viel Zeit zu haben. Keiner hetzt.
Ein Hund verrichtet sein Geschäft auf dem Trottoir, man passt auf, wo man hin tritt.

In dieser sauberen Stadt, die sich jeden Morgen schön zurecht macht und die Besucher mit einem perfekt zurecht gemachten Lächeln begrüsst .

~°~

Diese Strasse besucht man nur, wenn man vom Sozialamt und der Suche nach billigem Wohnraum dazu gezwungen wird. Man nachts nicht schlafen kann, weil eine Frau für die unbefriedigende Momentwärme fehlt.
Oder man Patientenbesuche macht.

Als ich aus dem Auto steige, grinst mich ein fast zahnloser Mann an und bittet  um eine Zigarette. Oder Geld. Oder beides : Es hat sich nichts verändert hier, seit ich vor vielen Jahren einmal hier gewesen bin.
Ich werde mit der Neugier eines Kindes gemustert, als ich die Strasse entlang laufe und die Hausnummer suche, ohne geheuchelte Zurückhaltung. Vielleicht haben die Leute dort ihre Masken verloren, weil es ihnen zu anstrengend war, sie täglich neu zu polieren, damit sie glänzt ?

Ich widerstehe meiner Lust, mir einfach die Kapuze über den Kopf zu ziehen, weil ich mir kein Fell als äussere Membran habe wachsen lassen. Und lasse all die Eindrücke durch mich hindurch ziehen, wie
ein Wind durch die Äste eines Baumes.

Der Patient lebt in dem verwitterten Haus mit den roten Lichtern vor den Fenstern.
Und er bedankt sich herzlich und aufmerksam, als ich später wieder gehe.
Draussen werde ich mich schütteln wie ein nasser Hund, damit die meisten Eindrücke an mir
abperlen wie auf einer glatten Oberfläche.
Und dennoch wird einiges kleben bleiben: Ich lasse mir trotzdem kein Fell wachsen. Weil das keine wirklichen Lebens-Berührungen zulässt.

Standard

3 Gedanken zu “Ansichten einer Strasse

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s