Schreiben

Vroni oder der rote Schwan

130 km/h auf der Überholspur. Autobahn. Heimwärts. Rechts von mir ein Lastwagen und meine Gedanken im Nirgendwo. Dann dieser *Song im Autoradio. Lägen meine Hände nicht so bequem am Lenkrad, würde ich den Sender wechseln. Ich mag diesen Song nicht, er zieht klebrige Fäden und er erinnert mich….Vroni.
Wir sind zusammen zur Grundschule gegangen. Sie hatte lange, rote Haare und die Alabasterhaut jener Wintermenschen, die nie braun werden, sondern im Sommer zu Sommersprossen neigen. Ihr Gesicht glich einem getupften Sternenhimmel an einem sehr klaren Abend. Vroni sprach nur, wenn sie vom Lehrer angesprochen wurde und auch dann nur zögernd. Mit einer leisen Stimme, die den Lehrer dazu bewog, sich theatralisch die Hände vor die Ohren zu halten und zu schreien: „Wie bitte ? Wir können dich nicht hören!“
Lachen. Alle, ausser Vroni.
Meistens sass sie alleine, weil sich niemand neben sie setzen wollte. Ihr Kleider waren immer etwas zu gross für ihren dünnen Körper, sie trug die Klamotten ihrer Schwestern auf.
Sie roch nach gebratenen Zwiebeln, verbranntem Kohl und kindlicher Naivität.

Am schlimmsten war ihre selbstgestrickte Mütze: Hellblau, unter dem Kinn zu einem praktischen Knoten geschlungen und mit einem Loch dort, wo an den Mützen anderer Bommel hingen. Durch dieses
zweckmässige Loch wippte ihr Pferdeschwanz auf und ab, wenn sie lief.
Diese rot leuchtenden Haare waren es, die im Winter die Jungs in der Schule dazu provozierten, dass sie Vroni an den Haaren zogen und  sie während der Pause über den Schulhof jagten. „Vroni. Boni. Doofe Kuh !“
Wenn die Schulglocke das Ende der Pause ankündigte, hatte sie sich versteckt und kam dadurch manchmal zu spät zum Unterricht.

Im Turnunterricht wurde sie nie aufgerufen, als die Gruppen eingeteilt wurden. Im Gegenteil: Sie wurde seufzend vom Turnlehrer jener Gruppe zugewiesen, die kleiner war. „Ohhh nein ! Nicht die Vroni !“
Ihre Schultasche verschwand immer mal wieder. Ihr Stuhl brach zusammen, weil jemand eine Schraube lockerte. Sie fiel öfters über Beine, die sich ihr in den Weg stellten. Die Türen, durch die andere vor ihr gingen, schlossen sich, wenn sie hindurch treten wollte. Die Ärmel ihrer Jacke wurden verknöpft, die Finken verschwanden. Ihr Fahrrad war so oft platt, dass sie mit der Zeit nur noch zu Fuss zur Schule kam.

Sie war eine von insgesamt 11 Kindern. Ihre Brüder wurden morgens von einem speziellen Bus zuhause abgeholt und in eine Schule für minderbegabte Kinder gebracht. Mongos. Eine bösartige Laune der Natur, die den Jungs der Familie ein defektes Gen mit auf den Weg gab, die ihre kognitive Fähigkeiten sehr einschränkte.

Und ich ?
Ich glänzte nicht durch mutiges Auftreten. Im Gegenteil: Vroni tat mir leid, aber ich zog es vor, mich nicht in ihrer Nähe aufzuhalten, um nicht die Aufmerksamkeit der Jungs auf mich zu ziehen.
„Wehr dich doch !“ Sagte ich ihr ein paar Mal, wenn ich ihr Weinen nicht ertrug, wenn ihr wieder ‚Missgeschicke‘ passierten. „Kratze ! Beisse! Trete ! Schlag um dich !“
Vroni tat nichts dergleichen und verschwand irgendwann aus meinem Leben.
Sie verblasste, wurde durchsichtig und war eines Tages einfach nicht mehr da.Weggewischt wie ein lästiger Fleck.

120 km/h. Ich fahre auf der rechten Spur. Blinker stellen, nächste Ausfahrt raus. Bald zuhause. Der Song ist zu Ende.
Die Erinnerung nicht.

*Gölä. Schwan.

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11 Gedanken zu “Vroni oder der rote Schwan

  1. Dieses Lied ja. ohh ja mein Herz tut mir heute noch weh bei diesen Gedanken an sie, nicht Vroni, Severine. Und weisst du was, ich habe ein schlechtes Gewissen ihr nicht noch mehr geholfen zu haben.. es ist auch keine Entschuldigung das ich selbst manchmal so hilflos ausgeliefert war den anderen gegenüber..deshalb hab ich oft die Schule geschwänzt weil ich es nicht ertragen konnte. Diese gemeinen, hinterhältigen….ach was nützt es zu schimpfen ausser, das man kein Kropf in den Hals kriegt, ich hoffe nur das meine Kinder nie sowas erleben müssen….stark hat es einen zwar gemacht aber auch scheu gegnüber solchen dominanten Menschen…Dani du hast wieder mal den Nerv getroffen das ich ein taschentuch holen muss…..

    • Ach Süsse….
      Mobbing war damals ein Thema, wohl immer schon, nur nannte man es nicht so.
      Es brauchte enorm viel Mut, Kind im eigenen Wachstum zu sein und sich gegen andere zu stellen. Wir wollten doch alle irgendwie gemocht werden.
      Wo waren die Lehrer ? Wo sind sie heute, wenn Kinder ausgegrenzt werden ?
      Wo waren die Eltern und wo stehen sie heute ?

      Ich hätte mir einen Lehrer gewünscht, der hingesehen hätte. Statt es sich in seiner Wohlfühlposition gemütlich zu machen.
      Und ich wünsche mir solche Lehrer heute. Mehr denn je.

      *schmatz* für dich

  2. ich frage mich mal wieder, warum kinder so grausam sein können. warum menschen mit anderen menschen so grausam umgehen. ja, das ist es, was ich – so desillusioniert ich auch bin – mich immer noch frage.
    mein bruder, ein ADS-kind (damals noch POS genannt) war so ein „vroni“-kind. ich, dich ich mich selten prügelte, musste ihn zuweilen vor den andern kindern retten. wie habe ich diese doofen jungs gehasst. zum glück haben sie nicht auch mich geplagt.
    ein schwan ist er zwar nie geworden, mein bruder …
    aber dennoch, auch wenn das lied auch für meinen geschamck an der süss-schmerzgrenze ist, hat es etwas gutes: es erinnert uns daran, dass sich alles verändern kann. und das gefällt mir an dem song. auch wenn ich schon seit jahren nichts mehr von gölä gehört habe … seine ersten songs haben mich berührt.

    • Ich stelle mir solche Fragen auch oft.
      Ist der Mensch nicht grundsätzlich gut ? Was passiert in der Entwicklung des Menschen, dass er solche Abwege gehen muss ? Was läuft falsch, dass andere erniedrigt werden müssen, um das eigene Ego aufzuwerten ?

      Schwäne sind doof. Die Bestimmung deines Bruders war es nicht, ein Schwan zu werden.
      Aber ganz bestimmt ist er etwas besonderes geworden.
      Hoffentlich einfach sich selber. Und akzeptiert in seinem Sein.

  3. Matthias schreibt:

    Das „Im Turnunterricht wurde sie nie aufgerufen, als die Gruppen eingeteilt wurden. Im Gegenteil: Sie wurde seufzend vom Turnlehrer jener Gruppe zugewiesen, die kleiner war. “Ohhh nein ! Nicht die Vroni !” kommt mir sehr bekannt vor.

    • Diese Situation im Turnunterricht kann und soll ganz einfach dadurch entschärft werden, indem man die Kinder anders aufteilt. Ohne sie bloss zu stellen: Durchzählen…1-2-3…
      So sind auch Schwächere integriert.

      Traurig für jene Menschen, die die Erfahrung gemacht haben, dass sie als letzte zugeteilt wurden.

  4. Solche „Vronis“ gibts wohl in jeder Klasse- leider! Und ich weiss gar nicht, ob ich das jetzt so schreiben darf- aber ich war jemand, der sich um solche Mitschüler gekümmert hat. Wir hatten zwei solche Vronis, und irgendwie war ich immer mit denen zusammen. Ich fühle mich- noch heute- von Menschen und Tieren angezogen, die irgendwie die Kurve nicht so ganz kriegen. Alle meine Tiere haben ein solches Schicksal hinter sich und sind schlussendlich bei mir gelandet. Und in der Praxis habe ich immer das „dickste Ei“ mit den Patienten, die allen anderen auf die Nerven gehen. Irgendwie „kann“ ich mit allen, egal wer oder was sie sind. Und ich bin froh drum!
    Das eine Vroni hat inzwischen in Luzern eine eigene Cafébar, das andere habe ich leider gänzlich aus den Augen verloren. Würde mich interessieren, was aus ihm geworden ist! Vroni, wo bist du?

  5. Liebe Hummel.
    Wenn der Name deiner Vroni mit M. beginnt, dann kenne ich sie.
    Wie auch immer: Schön für jene, die deinen Schutz genossen haben und es weiterhin tun.
    Wir brauchen Menschen, die Zivilcourage haben und für andere einstehen. Auch auf die Gefahr hin, selber in die Schusslinie zu geraten.

    Ich habe gestern meine Vroni gegoogelt, bevor ich den Text schrieb. Vielleicht hätte ich die Möglichkeit gehabt, den Schatten aus der Vergangenheit etwas Licht zuzufügen.
    Aber sie ist wirklich verschollen. Immer noch.

  6. Spunk schreibt:

    Wunderbar-traurig-schön-berührend-melancholisch geschrieben… Es hat mich sehr berührt, ganz tief innen drin… danke dafür!

    Und obwohl es traurig ist, stiehlt sich gerade ein dankbares Lächeln auf mein Gesicht. Dafür, daß es mir heute möglich ist, zu diesen „Vroni-Menschen“ eine ganz andere, annehmende und ins-Herz-schließende Verbindung aufzubauen.

    LG
    Spunk… bisher häufig still mitlesend

    • Liebe/r Spunkmensch/in…
      Herzlich willkommen hier. Schön, dass du aus der stillen Ecke gekommen bist :-).

      Vronimenschen sind etwas besonderes. Und sie verlangen einen besonderen Umgang.
      Schön zu lesen, dass du den Zugang zu ihnen über dein Herz gefunden hast.
      Vielleicht sollten wir eh öfters über die nonverbale Ebene kommunizieren, statt
      die Affen im Kopf unkontrolliert rumtoben zu lassen…

      (Nur so ein Gedanke…)

  7. Iwi schreibt:

    Ich wollte – ähnlich wie Spunk – einfach nur betonen, dass mir das Lesen an sich ein Genuss war. Sehr schön geschrieben, Mme Lila! Köstlich!

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