Schreiben

Das Waldmonster

Die Sonne bricht durch die Bäume, wirft Lichter auf den Waldboden vor mir. Ich bin alleine, laufe, laufe, laufe und versuche den Kopf frei zu bekommen.

Hast du daran gedacht, dass du morgen…Schweig ! Jetzt nicht!

Ich kann zwischen den Ästen hindurch den blauen Himmel sehen, mir ist heiss, ich rolle die Ärmel nach hinten. Hinter mir liegt der Weg, den ich gegangen bin und vor mir nichts weiter,

als ein gewundendener Pfad, der sich zwischen den Stämmen hindurch schlängelt.
In meinem Ohr wummert die Gitarre von  Kirk Hammett, die sich langsam zum Crescendo steigert und mich zu einem grösseren Tempo antreibt: Noch ein bisschen schneller und ich überwinde die Schwerkraft und ich…fliege ?

Du bist hier ganz alleine. Ganz alleine im Wald. Ja, und ? Ist doch schön.
Du bist ja  naiv ! So ? Bin ich das ? Warum denn ?
Frag nicht so blöd ! Liest du keine Zeitung: Mord. Totschlag. Vergewaltigung allerorts. Hier bin doch nur ich und ein paar Vögel …Schweig !

Weiter. Ich höre nichts ausser der Musik.
War da ein Knacken hinter der Biegung dort ? Von einem Schuh ? Wer würde mich finden, wenn ich jetzt hier….Ruhe !
Der Wald hat an Unschuld verloren, gebe ich zu. Ich laufe schneller, noch nicht auf der Flucht, weise aber die Tendenz dazu auf.

Jetzt hast du Angst, ich kann das riechen ! Quatsch. Mit Bestimmtheit nicht. Ich kann mich wehren, wenn ich denn muss.
So so. Wie denn ?——-

Ich pflücke mir einen Stein vom Boden auf und halte ihn triumphierend hoch: Ich bin jetzt bewaffnet !
(Zugegeben. Es ist ein kleiner Stein. Er passt warm in meine Hand. Aber zur Not könnte ich den meinem Angreifer in ein Nasenloch schieben und von dort direkt ins Hirn.Ja. Oder ins Ohr. Von dort
geht es auch ganz leicht tief in den Kopf. Bestimmt. Natürlich müsste der Killer, das ist er inzwischen, ein blutgieriger Killer, dazu still halten. Womöglich müsste ich ihn vorläufig k.o. schlagen zu diesem Zweck)

Ich kann hören was du denkst und du bist lächerlich. Schweig !

Ich bin inzwischen sicher, dass ich nicht mehr alleine bin. Spüre die Bedrohung beinahe körperlich. Die Atmosphäre hat sich verändert. Hinter mir ist etwas. Ich könnte mich umdrehen, würde aber dadurch meine Angst blosslegen. Oder ich könnte Metallica aus meinen Ohren verbannen, um die Geräusche einordnen zu können.
Was wirst du mit deinem jämmerlichen Stein machen, wenn es mehrere Angreifer sind ? Hä ?

Ich brauche eine zweite Waffe ! Einen dicken Ast, mit dem könnte ich den anderen Mann mit einem gezielten Schlag auf den Kopf kampfunfähig machen. Ja. Ich brauche einen…
Der Baum vor mir stellt mir eine Wurzel. Ich bleibe mit meinem Fuss hängen und rudere mit meinen Armen wild durch die Luft, um den Sturz abzufedern.

Siehst du ! Jetzt fällst du auch noch hin !

Ein mitleidiger Ast dreht sich zu mir, gibt mir die Möglichkeit, mich an ihm festzuhalten, um nicht zu fallen. Der dazugehörende Baum hat eine bemooste, weiche Rinde, die mich tröstet.
Halt.Dich.Fest.

Ein Ohrstöpsel ist aus meinem Ohr gefallen. Ich kann einen keuchenden Atem hören. Meinen. Ein paar glückliche Vögel und das schadenfrohe Kichern der Bäume um mich herum. Sonst nichts.
Den Stein halte ich noch immer unklammert. Ich bin allein.
Sogar die Stimme schweigt jetzt.

Ich gehe heim, langsam jetzt,  und trinke einen Tee. Das beruhigt.

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2 Gedanken zu “Das Waldmonster

  1. herrlich beschrieben, wie das monster wächst… die macht der gedanken 😀
    sehe mich selbst mit einem stein in der einen hand und mit der anderen tappend durch den wald laufen 😉

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