Schreiben

Anders

„Du kannst mich nicht, “ und dabei warf er trotzig seine kleinen Arme in die Luft, “ in der Schule abholen !“
Offenbar hatte ich was richtig falsches gesagt, als ich dem trotzigen Sohn damals anbot, ihn am nächsten Tag abzuholen.
„Du bist nicht wie die anderen Mütter !“

Ufff. Das sass. Peng. Die anderen Mütter im Dorf waren offenbar richtig, ich nicht.
Wir standen uns im Garten gegenüber: Ein rebellierender Zwerg in Hochform und eine verwirrte Mutter, die betroffen mit den Augen wollte: „Warum nicht ?“

„Du hast knallrote Haare !“ (Stimmte. Es war die Zeit, in der ich euphorisch mit Henna experimentierte, mich nie an die Zeitangabe auf der Packung hielt und die Pampe viel zu lange auf den Haaren trug)
„Du trägst komische Kleider !“ (? Ich trug seit je her, was mir gefiel.)
„Du bist Barfuss !“ (Es war Sommer.)
„Du gehst arbeiten, hast keinen Mann und drei Kinder !“ (Ja. Ich balancierte auf einem Hochseil, immer mit einem Fuss in der Luft, um genug Geld heim zu bringen und trotzdem den Kindern gerecht zu werden)
„Du gehst nie zur Kirche !“ (Ich bin Atheist)

Wir schauten uns an. Der Zwerg und ich. Zwischen uns eine Mauer aus grossen Steinen, die er wütend auftürmte.

Ich sollte so wie die anderen Mütter sein: Den ganzen Tag zuhause bleiben und darauf warten, dass die Kinder von der Schule kommen und der Mann von der Arbeit. Eine, die frühmorgens himmelblaue Kuchen buk
und am Nachmittag mit den anderen Müttern walken ging. Die am Sonntag in der Kirche eine Lesung über die hungernden Kinder in Afrika vortrug und eine adrette Föhnfrisur präsentierte.
Deren Haus so blitzblank war, dass es in der Sonne glänzte.

Ich sagte:
„Als ich so alt war wie du, bekam ich vom Lehrer einen Zettel, der die Eltern für den kommenden Freitag einlud, sich in der Schule einzufinden. Um den Schulbetrieb, die Lehrer und die anderen Kinder kennen zu lernen. Weisst du was ich mit der Einladung gemacht habe ?“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich warf den Zettel in den Bach ! Meine Eltern sollten auf keinen Fall in der Schule auftauchen …Weisst du ? Sie schienen mir dort unpassend. Sie sprachen französisch und sie waren soooo alt“
Er schaute mich mit seinen grossen, dunklen Augen von unten herauf an: „Wirklich. Hast du das getan !? “ „Ja. Habe ich.“
Dann wischte er sich eine Tränen aus den Augenwinkeln und wollte wissen: „Bist du dir dabei nicht richtig gemein vor gekommen ?“
Ich nickte: „Doch. Ich schämte mir dafür. Aber ich konnte nicht anders. Damals.“

Wir standen noch immer im Garten. Der Hund bellte einen Baum an. Die Hühner pickten lautlos Würmer aus dem Boden. Die Sonne brannte sich in meinen Nacken. Ich konnte die Gedanken des Zwerges vor mir auf seinem Gesicht lesen.
„Ich habe Steine im Bauch jetzt. Weil ich nicht will, dass du mich abholst. Aber du bist einfach so, wie du bist.Vielleicht holst du mich später mal ab, so in ein paar Jahren ?“
Ich nickte: „Mach ich. In ein paar Jahren. Wenn die Haare nicht mehr so rot sind “

Er nickte. Lächelte . Und die Mauer zwischen uns war in der Sonne geschmolzen. 

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16 Gedanken zu “Anders

  1. T.M. schreibt:

    Ha, Atheist, das ist wirklich hart für ein Schweizer Kind, wahrscheinlich heute noch.

    P.S.: Ich hab da noch ein zauberhaftes Lied. Das Video ist … ähm … sürrealistisch, aktuelle Pop-Texte sind jedoch nicht weniger absurd. Aber hey, wenn das jetzt nicht ankommt, Frollein, dann … dann schicke ich nie wieder eins. Nie! Wieder!

    • Früher, lange früher, wäre ich vermutlich verbrannt worden. Geehrter Mösiö. Und Sie auch.
      Der Pfarrer des Dorfes, da wo das alte Haus stand, bat damals um eine Audienz bei mir, um mich (das verlorene Schaf) auf den , seinen, richtigen Pfad zu führen.

      Übrigens: Ich kann ihren Link beim besten Willen nicht öffnen.
      Ich kann glaubhaft bezeugen, dass ich es wirklich versucht habe. ichschwör.

      • T.M. schreibt:

        Früher, pah, wir werden’s noch erleben! Mit Autos, Häusern, Hunden und Katzen wird es anfangen. Die Dummheit ist der einzige stabile Zustand, und mit ihr ihre ganze nette Sippe: Kleinheit, Furcht, Heuchelei, Neid und Spiessertum. Ja, ich mach Mut, gell?

  2. sweetminds schreibt:

    Liebe Madame Lila, mir gefällt dein Text. Er hat tiefgang und dennoch ein happy end. Das ist sehr schön.
    Liebe Grüße sweetminds

    • Zufall. Ellen. Wie du richtig vermutet hast.
      (Passende. Kluge. Oder Witzige Antworten fallen mir meist immer erst dann ein, wenn die Situation längst vorbei ist.)

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