Schreiben

Blau wie ein Kornfeld

Die eine trägt immer Kleider in Pastell, hellgrau oder hellbeige, und einen Korb, den sie mit beiden Händen fest hält. Ganz fest, als würde er ihr entgleiten, sie auch nur einen der Finger aus ihrer Krümmung lösen würde. Sie hat blassblaue Augen. (Dies ist eine kühne Behauptung meinerseits. Ich war ihr noch nie so nahe, dass ich ihre Augenfarbe definieren könnte. Aber mit Bestimmtheit sind sie blau.) Ihre Haare sind wellig, frisch eingelegte Locken, die noch den Knick der Lockenwickler am Haaransatz aufweisen. (Dies konnte ich sehen. Nicht mit Bestimmtheit. Aber doch fast sicher.)

Die zweite hat diesen wackeren Schritt eines Mannes: Wenn die anderen beiden an ihrer Seite drei winzige Schritte machen, schafft sie es jeweils mit einem .
Ihre Frisur trägt sie, (Vermutung) , seit ihrer Einschulung und erinnert an den Pagenschnitt der Beatles. Obwohl sie, als John umgebracht wurde, bereits älter war als ich heute.
Sie trägt Jeans. Ausgebeulte Jeans, die sie morgens anzieht, bevor sie morgens zu ihren Hühnern geht. (Ich glaube nicht, dass sie zu den Menschen gehört, die ihren Hühnern Namen geben. Viel eher geht sie pragmatisch vor: Das Huhn, das ein paar Tage das Legen eines täglichen Ei verweigerte, wird um die Ecke gebracht.)

Die dritte ist von einer körperlichen Üppigkeit, die auf unzählige Schoggikuchen und Praline schliessen lässt, die sie (hoffentlich) genüsslich verspeist. Sie hüllt sich gerne in diese bunten Röcke aus Kunstfaser, die um die Taille einen praktischen Gummizug besitzen. Der passt auch noch mit 10 Kilo mehr auf den Rippen. Ihre Beine stecken in blickdichten Stützstrümpfen. Sie  trägt immer ein Lächeln, das ihr zerklüftetes Gesicht in zwei Hälften teilt: Oben und unten. Oben ist alles, was sich oberhalb ihrer Nasenspitze befindet.
Sie scheint Rosa als Farbe zu mögen und alles, was mich an Bonbon erinnert.

Die vierte, und endlich sind wir bei ihr angelangt, kommt immer zu spät.

Ich kann sie oben an der Strasse eilig Laufen sehen, wenn die anderen drei schon unten an der Hecke stehen und miteinander vertraut plaudern.
(Nein. Ich kann leider nicht verstehen was sie zueinander sagen. Hierzu müsste ich mein Versteck am Fenster verlassen und mich zu dem Gebüsch begeben. Das traue ich mich nicht. )
Sie entschuldigt sich immer mit wirbelnden Händen, wuschwusch, bei den anderen für ihr zu spät kommen. Ihr Gesicht ist vom schnellen Laufen erhitzt, die zu einem Knoten geschlungenen Haare haben sich etwas gelöst und haben Strähnen entlassen, die bei jeder Kopfbewegung wie Antennen störrisch von ihrem Kopf abstehen.
Ihre Jacke ist nachlässig oder falsch geknöpft, bei den Schuhen sind nie beide Schnürsenkel ordentlich verknüft und dennoch ist sie in ihrer Schusseligkeit die einzige, die mich am Fenster stehen sieht.

(Sieht so aus, als hätte sie mich noch nie bei den anderen drei verraten. Auf eine besondere Weise sind wir Verbündete. Die unpünktliche Chaosdame und ich.)

Sie haben einen wichtigen Auftrag, die vier Damen, den sie nicht aus den Augen gelassen haben : Sie sind einmal wöchentlich gemeinsam auf dem Weg zu ihren Männern.
Noch sind sie aber nicht so weit. Sie kichern, erzählen und berühren sich fürsorglich mit den Händen. (So wie man ganz besonders wichtige oder liebgewonnene Gegenstände berührt: Zärtlich mit den Fingerkuppen. Niemals mit der ganzen Handfläche, als würde man einen Tisch abwischen.) Man zupft am Pullover der anderen, um ihre Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Oder schlägt entrüstet, synchron, die Hände zusammen. Um das Entsetzen über das gerade erzählte dramatisch auszudrücken.

Die vier Ladys.( Fast bin ich versucht sie als ‚meine‘ vier Ladys zu bezeichen. Der Gewohnheit wegen. Schliesslich kennen wir uns doch schon ein Jahr. Platonisch.)

Plötzlich ändern sie schliesslich ihre Richtung wie Vögel am Himmel, die einer inneren Stimme folgend ihre Koordinaten neu setzen: Sie setzen sich gemeinsam in Bewegung und peilen die Kirche an.
Zackig nun und schweigend. Marschieren in einer perfekten Viererkolonne, die vierte ist immer rechts aussen, daran vorbei . Nur noch ein ein paar Schritte bis zum schwarzen Gartentor.
Öffen. Reingehen. Das Tor hinter sich sorgfältig schliessen. So. Erst jetzt trennen sie sich. Sie werden sich in einer Viertelstunde dort wieder treffen um den Weg vom Friedhof an die Strasse hinunter zu bewältigen.
Nachdem sie bei ihren Männern auf den Gräbern Kerzen angezündet haben. Jede für sich.

(Habe ich schon mal erzählt, dass ich in dem alten Haus neben dem Friedhof am Waldrand wohne ?)

Die Verabschiedung der vier Damen fällt herzlich aus.Wenn sie ihren Auftrag erfüllt haben, in der Absicht, nach Hause zu streben.  (Sie fallen auseinander wie ein Blumentopf, der auf den Boden fällt. So ist das. Sie werden sich gegenseitig nächste Woche wieder eintopfen, die alten Blümchen.)
Und ich bin sicher (Oh. Ganz sicher. Keine kühne Behauptung jetzt), dass die vierte der Damen sich jeweils nach einmal kurz umdreht und zu jenem Fenster hoch lächelt, an dem ich noch immer stehe.
Ihre Augen sind blau.
So blau wie ein Kornfeld. (Vermutung. ) 

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2 Gedanken zu “Blau wie ein Kornfeld

  1. Ich würd nicht behaupten, das dieses Sprichwort nicht stimmen würde…Tausend Augen und ein Zahn die neugierig aus dem Fenster gucken….Ich hoffe du hast noch ein paar Echte mehr….

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