Befindlichkeiten, Leben, Menschen

20 Minuten im Leben eines Menschen

Die Fahrt mit dem Schnellzug dauert 20 Minuten. Nicht mal eine halbe Stunde zwischen zwei Haltestellen.
Ich bin müde, froh einen freien Platz erwischt zu haben und beobachte träge, es ist nach 22 Uhr,  die letzten Passagiere, die auf dem Perron rennen, um den Zug noch zu erwischen.
Ich gehöre zu den Gewinnern in diesem Spiel: Ich bin im Zug, während er langsam aus dem grossen Bahnhof hinaus in die Nacht fährt.
Während ein paar verlorene Menschen fluchend die Bahn verpasst haben und auf den nächsten warten müssen.

Ich könnte während diesen kostbaren 20 Minuten die Augen schliessen,  die Stöpsel meines IPod in meine Ohren drücken oder die zerfledderte Gratiszeitung lesen, die neben mir liegt.
Man hat immer die Wahl, nicht wahr ?
Ich zog es vor, warum auch immer, meiner unbekannten Nachbarin zuzulächeln. Nur kurz, dachte ich, einfach freundlich sein.
Am Ende der Fahrt wusste ich alles über das zerzauste Leben meiner reisenden Mitpassagierin. Ich konnte am Ende Auskunft geben über :

  • Wo sie wohnt
  • Warum sie sich vor zwei Monaten das Bein gebrochen hat
  • Wo sie arbeitet
  • Wie ihr Chef so als Chef ist und wie die Mitarbeiter so als Mitarbeiter sich verhalten
  • Wieviele Kinder sie hat und welche Berufe sie ausüben
  • Wo sie auswuchs und welche erzieherischen Massnahmen ihr Vater als legitim und korrekt ansah
  • Welches Auto sie fährt
  • Wen sie liebt
  • Mit wem sie zusammen lebt
  • Wo sie politisch steht

Ohne je eine einzige Frage gestellt zu haben, weiss ich mehr über eine Frau, als ich je wissen wollte.
Innerhalb von  20 Minuten in einem rappelvollen Zug, an einem Freitagabend, von Zürich nach Hause.

Zuhause werde ich mich fragen, warum mir die Leute allerorts und immer wieder ihr Leben anvertrauen, zumindest ihr gelebtes Leben in geschilderten Worten und Erzählungen. Warum die Bereitschaft, oder Verzweiflung der Einsamkeit, wildfremden Menschen alles bis aufs klitzekleinste Detail zu erzählen.

Und spannend ist die Tatsache, dass ich kaum ein Wort gesagt habe. Ich habe im Grunde nur zugehört.

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14 Gedanken zu “20 Minuten im Leben eines Menschen

    • Genau das gleiche habe ich mir beim Durchlesen meines Textes auch gedacht :.
      Ich vertraute früher alles (wirklich alles) meinem Tagebuch an. Macht aber kein Teenager mehr. Heute wird alles subito auf Facebook gepostet 😉

      • ein thema, das mich grad sehr beschäftigt: wieso alles immer nach aussen tragen, was ein bisschen mehr innendrinwärme zum ausbrüten bräuchte. nicht alles, nicht immer. aber ab und zu schon. da den mittelweg finden, fordert mich grad recht heraus.
        dein text rührt mich.
        du bist eben ein offener, empathischer mensch, und das spüren die menschen.

    • Nun. Dann weisst du, wie du damit umgehen kannst/sollst, dass dir soviele Dinge zugetragen werden.
      Ich empfinde es oft als Belastung. Im Nachinein. Und schimpfe mit mir selbst, weil ich mich zuwenig abgrenze.

  1. Das ist das, was zunehmend verloren geht in dieser flexibilisierten Zeit. Einen Platz zu finden, an dem ein Mensch ist, dem man unbedarft alles hinlegen darf. Und sich nicht kontrollieren muss, ob das jetzt korrekt ist, ob es jetzt gesagt werden darf oder nicht. Sondern einfach etwas hinlegen dürfen. Sicher ist das manchmal auch grenzwertig, aber ich erlebe es auch als etwas Wertvolles und Berührendes. Und als etwas, was verloren scheint in dieser sich so mitteilenden Welt …
    Schöne Grüsse und sonnige Pfingsttage wünscht
    Hermann Josef Schmitz

  2. Hmmm.
    Weisst du was mir da grad in den Sinn kommt ? Ich höre und lese immer wieder, dass die Menschen wieder lernen müssen, zu reden. Miteinander zu reden.
    Ich sehe das anders: Wir können wunderbar kommunizieren, sind verbal geschickt und taktisch klug und manipulierend. Das lernt man schon in der Schule.
    Was wir nicht können ist eben…Zuhören. Ich meine so richtig. Mit der ganzen Aufmerksamkeit beim Gegenüber sein. Ohne Vorbehalte. Klar und Ruhig.

    Vermutlich geht das wirklich was verloren, wie du schreibst.
    Und ungefiltert reden, wie kleine Kinder, ohne darüber nachzudenken, wie es ankommt, sollten wir alle mal wieder.
    So wie uns der Schnabel gewachsen ist.

    Ja. Grade heute 🙂

  3. Legatus schreibt:

    Weil es Menschen gibt denen sich andere Menschen anvertrauen. Weil diese Menschen diese gewisse Art von Ausstrahlung haben die sagt „Ich verstehe dich, egal um was es geht.“ Weil diese Menschen so aussehen als könnten sie die Probleme der Welt alleine auf ihren Schultern tragen und trotzdem noch lächeln. Und weil man diese Menschen aller Vorraussicht nach nie wieder sieht. Manchmal ist es gut solch ein Mensch zu sein. Aber nicht immer.

  4. >>Manchmal ist es gut solch ein Mensch zu sein. Aber nicht immer.<<

    Ich mag deine letzten zwei Sätze.
    Und weisst du was ? Man kann meistens das eine nicht vom anderen unterscheiden. Oder erst im Nachhinein.

    Aber egal, nicht wahr ?

  5. Legatus schreibt:

    Es gibt Menschen die es instinktiv unterscheiden können. Das sind diejenigen, die sich Morgens neben dich in die U-Bahn setzen, dich antippen damit du deine Kopfhörer aus den Ohren nimmst oder dein Buch weglegst und dann anfangen die ihr Leben (oder den gerade für sie wichtigen Teil davon) zu erzählen. Ich mag diese Menschen sehr, zumindest im Nachhinein gesehen. Egal sind sie mir nicht. Aber oft allen anderen in ihrem normalen Umfeld.

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