Befindlichkeiten, Leben, Menschen

Die Schöne und der Greis

Er habe sich, so erzählt er mir, am Griff der Rolltreppe festgehalten, um nicht zu fallen. Ihm sei schwindlig gewesen, wie so oft, wenn er draussen unterwegs sei. Um ihn herum die rennenden Menschen in der Hektik des Bahnhof in L.
Plötzlich habe sich ein Arm zwischen seinen geschoben und eine, wirklich nette, Frauenstimme habe ihn schüchtern gefragt, ob er denn Hilfe brauchen könne.

Sein Körper mag betagt sein, seine Beine schwach und zittrig, seine Augen und sein Geist sind es nicht: Es sei eine junge Dame  gewesen, eine Schöne in einem geblümten Sommerkleid, die  gut gerochen habe.

Er habe, wie es sich gehört, sich bedankt für die angebotene Hilfe und gesagt, er nähme doch ihr Angebot gerne an.
So spazierten sie also gemeinsam, sie noch immer bei ihm eingehängt zur Bushaltestelle beim Bahnhof. Dort angelangt
bat er sie, ihn doch bitte zur kleinen Bank  zu begleiten. Dort wollte er sich etwas erholen. Vielleicht, fügte er an in einem aufkeimenden Schwall wiedererblühter Jugendlichkeit, möge sie sich eine Weile zu ihm setzen ?

Sie schüttelte den Kopf. Es sei ihr leider unmöglich, noch mehr Zeit zu verlieren, da ihr Bus demnächst komme und sie noch einen Termin habe. Ausserdem, und das sei jetzt ganz ungeschickt, müsse sie das Busticket noch lösen und habe doch kein Kleingeld.

Letzteres sei kein Hindernis, erwiderte er und zückte bereits seine Brieftasche. Leider befand sich auf dort kein Kleingeld, stattdessen ein hundert Franken Schein.
Den er, ohne zu zögern, ihr anbot mit dem Hinweis, sie müsse sich hurtig auf den Weg machen um beim nahe gelegenen Kiosk diesen Schein in Kleingeld zu wechseln.

Sie rannte weg. Mit dem Geld in der Hand.

In diesem Augenblick, mit dem Entschwinden der jungen Frau,  setzte bei den betagten Herrn das Denken wieder ein.
Weg ist weg. Dachte er. Nicht nur Geld, sondern auch die hübschen Beine. Er schalt sich und haderte eine Weile mit seiner Dummheit, als sie erneut neben ihm stand.
Sie drückte ihm das Restgeld in die Hand, flink und war schon auf dem Sprung zum eben eingefahrenen Bus als sie rief: „Danke vielmals !“

Die Welt ist eine schöne, eine Gute und eine Hilfsbereite.
Sagte er mir gestern, noch immer berauscht. Und schwärmte in schönen Adjektiven von der Beschaffenheit und dem Duft der Frau.
Ich unterbrach ihn dann doch: „Sie hat Ihnen das ganze Geld zurück gegeben ?“
Er lächelte: „Nein. Sie behielt 30 Franken für sich. Sie gab mir 70 Franken zurück“ Das habe die Überprüfung der zurückgegebenen Geldes ergeben.
Dann sei er, gab ich zu Bedenken, bestohlen worden.

Der alte Mann schüttelte den Kopf . Mitnichten. Diebstahl können man das nicht nennen.
30 Franken sei  ihm dieser Genuss der Begegnung allemal wert gewesen.
Ausserdem sei nicht nur er betrogen worden, sondern die Stadtkasse ebenso: Ein Busticket habe sie ja auch
nicht gelöst, in der Eile.

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Ein Gedanke zu “Die Schöne und der Greis

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