Schreiben

Von Sommer, Melonen und verlorenen Herzen

❈Im Starbucks einen eiskalten Kaffee bestellen. Mit nichts drin, ausser Kaffee und einem halben Dutzend Eiswürfel. Und sich freuen, dass der Mann mit der dunklen Schürze mich duzt.
„Hey. Was möchtest du gerne haben…“ …Oh ja. Ich mag es, wenn mich jemand höflich duzt. (Ich bin in dem Alter angekommen, in der alle Jugendlichen um mich herum im Bus aufstehen, um mir einen Platz anzubieten.Danke danke Jungchen.) Und das du macht mich  jünger, so ein kleines bisschen.

❈Heimkommen und beim öffnen der Türe in eine Welle von Melone fallen, die einem fast den Atem nimmt. Sie liegt auf dem Tisch, die Melone und wartet aufgeregt darauf, dass ich sie esse. Da ich sie sehr reif mag, versprüht sie ihr Parfum immer, wenn ich nach Hause komme, um auf sich aufmerksam zu machen: Iss mich. Jetzt. Heute. Biiiittteeee !
Nein. Heute noch nicht. Morgen vielleicht.
Ich führe mich schon beim Kauf der Melone so prahlerisch auf, als wüsste ich genau, worauf bei einer Melone zu achten ist : Drauf klopfen, leicht mit den Fingerknöcheln. Toktok. Dann den winzigen Stiel zwischen zwei Finger nehmen und ihn leicht hin und her bewegen. Am Ende der Testphase kommt die Nase hinzu: Riecht sie süss genug, diese Melone ?
Natürlich nehme ich sie. Genau die ! Aber das wusste ich von Anfang an. Weil ich mich schon beim Hinsehen für eine entschieden hatte: Die oder keine.

❈Unter der grossen Dorflinde stehen bleiben nach dem abendlichen Spaziergang, weil ein banales weitergehen unmöglich ist: Umschlungen werden von dem einlullenden Duft der Lindenblüten, sämtliche Sinne und Poren öffnen um den Atem des Baumes in sich aufzunehmen. Zu konservieren. (Ach Grenouille, mein Bruder im Geiste. Du verstehst mich, nicht wahr ? Wärst in diesem Augenblick, wie ich, gerne eine der tausend Bienen, die betrunken von einer Blüte zur anderen schweben . Ich kann sie nicht sehen, Jean-Baptiste, aber ich kann sie hören !)

❈Am See sitzen und Oliven, Sardellen und Brot essen. Die Olivensteine  gezielt und mit Schwung auf die Wiese werfen, wissend, dass nie ein Olivenbaum daraus entstehen wird und trotzdem dran glauben.
Gleichzeitig ein ganzes Glas eingelegte Sardellen in Olivenoel essen. (Doch. Das geht. Ich kann das.Und danach zur Strafe enormen Durst haben, und  nicht zugeben können, dass man imstande wäre, aus einer Wasserpfütze zu trinken.Hätte man nicht vorausschauend eine grosse Flasche Wasser dabei.)

❈Die Sonne auf der Haut des Lieblingsmenschen riechen. Abends. Wenn die Haut noch ganz warm ist vom Tag.  Oder der Mitbewohnerin kleine Hautfetzen mit den Fingerspitzen vom Rücken zupfen, nachdem sie von einem Festival mit Sonnenbrand heim kam.
Sich dabei freuen, wenn mit ausgefeilter Taktik und Geschick ein grösseres Stück Pergamenthaut runter kommt. „Schau. Schau !!! Guck her…“

❈Draussen sitzen, abends. Das plopp eines Zapfens hören, der aus einer guten Weinflasche gezwungen wird. Den Schwalben zuhören. Wolken zählen. Fragen: „Wird es morgen regnen ?“ Nur um die Stille zu durchbrechen und seine Stimme zu hören. (Er sagt nicht gerne ja oder nein. Er mag die ‚vielleicht‘. Vielleicht wird es regnen, mal sehen.)

Und zuletzt.
❈“Sie haben, “ sagt sie mit der Bestimmtheit einer alten Dame, die als Psychoanalytikerin bei vielen Menschen die dunklen Flecken auf der Seele gesehen hat und trotzdem nie aufgehört hat, an das Gute im Menschen zu glauben, “ sie haben ein Zigeunerherz.“
Zuhause dann die eigenen, dunklen Augen im Spiegel betrachten und nach Ähnlichkeiten suchen. Äusserlich keine finden. Und dennoch wissen, dass sie recht hat.

Noch 29 Tage und ich werde mein stillgelegtes gypsyheart in der Camarque ausbuddeln. Dort wo ich es letztes Jahr vergrub: Eingewickelt in Samt.

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9 Gedanken zu “Von Sommer, Melonen und verlorenen Herzen

  1. Sie hätten wenigstens einmal das Wort „Regen“ erwähnen können, Frollein.

    P.S.: Starbuck’s ist böse. Ganz schlimm. Die peitschen ihre Mitarbeiter aus. Oder so.

    P.P.S.: Sardellen mit Oliven mach ich immer mit Nudeln. Aglio e olio. Die andern finden’s meistens grusig, drum hab ich alles für mich allein.

    • 1) Bonjour Mösiö

      2) Regen steht bei Absatz 6. Gucken sie. Oder schauen sie aus dem Fenster. (Übel ist es.)

      3) Habe ich die Illusion meiner Leser zerstört ? Ich bin KEIN Gutmensch. Ich trinke Kaffee bei Starbucks. ;-). Jaaaa.
      (Haben Sie schon mal den Kaffee dort…der mit Cocos meine ich ?)

      4a)Nudeln aglio e olio : Wundervoll. Wir sollten mal wieder. Meine ich. Unbedingt. Nach einer Wanderung.

      4b)Die haben da im Coop die Sardellen in einem Glas. (Ökö. nicht wahr ?) Bisschen teurer als die anderen. Probieren Sie. Unbedingt.

      • 2) Regen. Mein Fehler. Ich bin untröstlich. (Mir passieren in letzter Zeit immer mehr solche Sachen. Man wird einfach trottelig mit der Zeit. Also im Alter.)

        3) Ich nicht. Einmal im Jahr, im Urlaub vielleicht, wo einen niemand kennt und nur wenn wirklich gar nix anderes greifbar ist. Die sind mir ganz entschieden zu teuer, zu voll und zu doof. Ich bin mehr „Einen Kaffee bitte.“ als „Einen Chocolate Cookie Crumble Frappuccino® Blended Beverage mit extra viel dies und ohne das und fettfreier Milch.“ Ich geh lieber in ein kleines Cafe, wo sie selbstgebackene Scones haben.

        4a) Ich teste immer Restaurants mit agli e olio. Wenn sie das nicht hinkriegen, kann man den Rest wahrscheinlich auch vergessen.

        4b) Ich bin ja Migros. Im Coop merken die immer, dass ich nach Schwefel rieche und fragen dann immer so scheinheilig „Nehmet Ihr Märkli?“ – „BAH!!! NEIN, VERDAMMT! Ihr elendigen %/ç=)(¬|¢=*£!!!“

        5. Wie gefällt Ihnen mein neues sowjetisches Ührli? Ist ein Chronometer!

        • Sie tragen eine Uhr, Mösiö ? Oh. Zu Ihnen passt eine Taschenuhr. Ist es nicht mehr so, dass man in der CH Menschen im See versenkt, die KEIN schwiizer ührli tragen ? .

          Ps. Die Sardellen waren doch Migros. Cumulus lässt grüssen.
          Pps. Ich mag Ihre Kommentare
          Ppps: Sie haben meinen Beitrag zu den aglio*olio falsch interpretiert oder bewusst missverstanden. Ich habe mich entschieden, dies auf ihr (unser) greisiges Alter zu schieben.

          • Ich hab sogar eine Taschenuhr, eine Junghans von 1910, die tickt sehr munter und wirkt für ihre 110 Jahre überraschend modern. Aber (ich hab’s probiert) eine Taschenuhr ist im Alltag nicht recht tauglich. In den Hostentaschen hat man zudem oft andere Dinge, insbesondere Schlüssel und Messer, die zerkratzen dann das Gehäuse.

            Und ja, mit ausländischen, insbesondere sowjetischen Uhren stösst man in CH tatsächlich oft an. Uhrmacher verziehen sofort das Gesicht. Ignorante Dummköpfe! Oft steckt ein Schweizer (!) Werk drin, heute noch. Diese güldene da trägt ein höchst offiziell lizenziertes, allerdings leicht modifiziertes Zenith von 1948.

            Langweilig, gell? Aber je digitaler unser Leben wird, umso mehr zieht es mich in die alte Analogwelt.

  2. Spunk schreibt:

    Danke.
    Das ich das hier – gerade jetzt – entdecken durfte.
    Es tut so gut…

    Als ich das Foto unter dem Text sah, schossen mir die Tränen in die Augen. So. Genau so. Mehr würde es gar nicht brauchen.

    Und danke auch für das erwähnen der SonnenbrandPergamentgroßFetzenabziehlust… Ich hab immer gedacht, ich wäre die einzige Verrückte, die das genießt. *lach*

    LG
    Spunk

    • Es hat sowas, weiss nicht, glückseliges….Wenn so ein Streifen allerzartester Haut fast lautlos runter kommt.
      Liebe Spunk. Bitte melde dich, drei Tage nach dem Sonnenbrand auf deinem Rücken. Ich werde mich beeilen um bald daran zupfen zu können :-).

      Ps. Der Zigeunerwagen…Traumhaft, nicht wahr ?

  3. braucht frau brösmeli eine ladung rein pflanzliche positivumkapseln (gits im fall, todsicher – aber im handeln rein chemisch), dann geht sie zu frau lila und liest! gefühle, momente, gerüchte zum anfassen und spüren gratis bei der lila! i just love the way you write!

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