Schreiben

Gesichter dieser Stadt

Da ist immer wieder diese Stadt. Diese kleine, die am linken Fuss des grossen Berges liegt. Und sich an den See schmiegt, den mit den Dampfschiffen, den die Touristen so lieben.

Ich kenne diese Stadt so gut, so lange und so intensiv, wie man nur die eigene Stadt kennt.

Sie liegt wunderschön da, sie beugt sich nicht, niemandem. Manchmal zittert sie ein wenig, tut das aber nie öffentlich. Sie gab sich nie geschlagen, sah viele Kaiser kommen und gehen, Päpste fallen und liess sich auf die Habsburger ein. Als diese vertrieben wurden, kamen die Vögte. Dann die Pest, die viele Narben im historischen Stadtbild hinterliess.
Als die Reformation 1520 kam, blieb die Stadt katholisch. Erzkatholisch.
Ein paar Hexen wurden verbrannt. Nieder mit den Ungläubigen!

Sie schenkt mir immer wieder Geschichten, diese kleine Stadt. Einfach so:
Als er noch zur Schule ging, in diese katholische Schule die noch von Patern mit harter Hand regiert wurde, mussten sie jeden Morgen um 6 Uhr zur Andacht vor der Schule, mit anschliessender Kommunion.
Das sei damals üblich gewesen und, vor allem, für die Jungs eine äusserst unangenehme Sache. Habe man doch diese Kommunion, in Form eines gesegneten Oblates, nur fern aller Sünden empfangen dürfen.
Sündhaft war, und das ist der Punkt, die Masturbation. Diese mache blind, sagte der Pfarrer, erweiche Hirn und Rückenmark.

Also blieben die jungen Kerle auf den harten Kirchebänken mit gesenkten, schuldbewussten, Köpfen alleine sitzen, wenn sie in der Nacht zuvor Hand an sich selber angelegt hatten. Und wurden so zum Gespött aller Kirchengänger, die eben zum Empfang der heiligen Kommunion den Kirchengang nach vorne zum Priester strebten.

Er erzählt mir das mit einem Lächeln. Und vom Zungenkuss erzählt er, den er mit einem Mädchen getauscht habe. Mit schlechtem Gewissen behaftet seien sie tags darauf zum Pfarrer um es zu beichten: Ein Zungenkuss sei, so sagte er, doch eine grosse Sünde. Gleichzeitig berichtete der Pfarrer von Fegefeuer, von Hölle und dem ewig bösen Trieb des Menschen, der bezwungen werden müsse.

Darauf hin habe er dieses Mädchen gebeten, seine Frau zu werden. Die Ehe habe bis zum Tod gehalten.

Diese Entscheidung, die Frau zu heiraten, sei die beste seines Lebens gewesen.
Mit ihr 5 Kinder zu haben, die zweitbeste. Dann komme, anschliessend, die Vereinbarung, aus der Kirche auszutreten.

Ich liebe diese Stadt. Die Menschen und die geschenkten Geschichten.

 

Standard

3 Gedanken zu “Gesichter dieser Stadt

  1. hach, und ich liebe es, wie du diese geschichten von deiner stadt in worte fasst, wie edelsteine. oder vielleicht wie schönpolierte bachkiesel, die schöner als edelsteine funkeln können, wenn sie nass werden, nass gemacht mit worten, und erzählt.
    danke!

  2. Da zieht sich das Herz zusammen, bei dem Gedanken, wie mächtig mancher Pfarrer war/ist.
    Diese Geschichte ist und bleibt aktuell, obwohl sie irgendwann einmal stattfand.

    ..grüßt syntaxia

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s