Schreiben

1958

1958
Frankreich wählt  Charles de Gaulle als Präsidenten. In London wird der Gatwick Airport eröffnet und die Menschen organisieren sich zunehmend gegen Nuklearwaffen. Sharon Stone wird geboren und Inge Stoll stirbt bei einem Motorradrennen.

Gleichzeitig lässt ein Mann in der Schweiz einen Koffer stehen, aus unbekannten Gründen, als er sich aufmacht, um nach Südafrika zu reisen.

(Seine Schwester wird den Koffer in den Estrich stellen, wo er dann im Lauf der Zeit voller Staub und Spinnweben sein tristes Dasein fristet. )

Der Mann wird den Koffer nie mehr abholen. Vielleicht hat er ihn vergessen ? Oder er braucht ihn nicht mehr, dort wo er jetzt ist. (In Afrika ? Oder ist er unterwegs dorthin irgendwo hängen geblieben ?)

54 Jahre lang wird der Koffer vergessen sein.
Bis die Schwester das Haus aufgibt und anfängt, aufzuräumen. Der Koffer gewinnt an Bedeutung. Der Inhalt wird als unbeträchtlich klassifiziert. Ein Trödelhändler nimmt ihn anschliessend mit, wird den Inhalt auf mögliche Geldquellen untersuchen.

Im Koffer befanden sich:

  • Ein kleiner Flakon mit einem Parfum, das nicht mehr produziert wird und dessen Manufaktur es längst nicht mehr gibt.
  • Ein Judoanzug. (In Afrika braucht man keinen Judoanzug. )
  • Vergilbte Fotos, säuberlich in Fotoalben eingeklebt.
  • Und eine Seife, Rexona, in grünes Papier eingeschlagen :

Zur Verhütung von O.C. und zur wirksamen Pflege des Teint, Körper und Gesicht regelmässig mit der milden, erfrischenden und gut parfümierten Rexona-Seife waschen. 

Der Trödelhändler wird an einem sonnigen Sonntag auf einem Flohmarkt dieses Stück Seife verkaufen, für 1 Franken. Und die Geschchite dazu einer Frau erzählen, die Geschichten sammelt. Genauso wie sie Gegenstände sammelt, die gelebte Geschichten in sich tragen. Die Frau wird auch das Parfum dazu für ein paar Franken kaufen. (Der Duft erinnert sie an ihre Grossmutter, ein wenig, an saubere Wäsche und ein bisschen nach Veilchen.)

Zuhause wird sie die beiden Fundstücke in ihren Händen wiegen, wie etwas besonderes, ganz zärtlich. Wird daran riechen, den Flakon auf- und zuschrauben.
Mit den Fingern über das dünne, grüne Papier streichen, das die Seife umgibt.
Und dabei wird sie an den Mann denken, den sie nie gekannt hat, und der den Koffer stehen liess.

Sie weiss warum er das getan hat. Aber das wird sie niemandem erzählen.

Ps. Die kleine, silberne Dose vor dem Parfum hat sie auf dem Flohmarkt auch gekauft. Die Oberfläche zierte ein blaues Stück Porzellan aus der Ming Dynastie.
Die Geschichte dazu ist eine spezielle.
Sie wird demnächst erzählt.

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2 Gedanken zu “1958

  1. wie schön, dass dieser koffer und sein inhalt nun doch noch erzählt werden. wenn ich über flohmärkte gehe oder in brockenhäusern stöbere, habe ich auch immer das gefühl, inmitten unerzählter geschichten zu sein. traurigen vor allem. aber vielleicht sind sie fröhlich?
    wie schön, wenn sie ans licht kommen können und sich worte anziehen dürfen.

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