Befindlichkeiten, Lieben

Die Frau

Sie steht neben mir an dem kleinen Bahnhof mit der Heftigkeit einer Frau, die so tut, als wisse sie präzis, was sie tut. Ohne zu zögern. Als kenne sie ihren Weg sehr genau, es gibt keine Überraschungen in ihrem Leben.
Alles ist geplant und passiert genau so, wie von ihr vorgesehen.

Sie trägt Schuhe mit guten Profil, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren, sauber geputzt. Ihre Jacke, die sie der morgendlichen Frische wegen um sich wickelt, ist faltenlos. Wie ihr Gesicht. Straff und stramm.

Der Rücken durchgestreckt, die Knie kaum angewinkelt steht sie da. Ich bekomme beim blossen Anblick ihrer starren Haltung Rückenschmerzen.

Ich fahre jetzt oft mit der Bahn zur Arbeit und stehe als Neuling an diesem Tag auf dem Perron. Werde gemustert, kurz genug, um nicht allzu neugierig zu wirken.
Ich meinerseits beobachte auch: Sie nickt mir grüssend zu, als wir gemeinsam in den Zug einsteigen.
Dabei kann ich sehen, dass ihre Haare nachlässig in einem billigen Rotton gefärbt sind und ihr Nagellack abbröckelt. Und ich empfinde jäh und überraschend Mitleid mit dieser Frau, die so krampfhaft darauf bedacht ist, den äusseren Schein zu wahren. So durchdringend
versucht, jemand zu sein, der sie offenbar nicht ist.

Sie setzt sich zu einer Bekannten hin, direkt hinter mir. Ich kann sie jetzt nicht mehr sehen.
„Hast du gehört“, wird sie gefragt, „die Conny heiratet !“
Es dauert eine Weile, die Häuser ziehen draussen vorbei, bis sie antwortet:
„Jaja. Soll sie doch…“

Ich kann den Groll in ihrer Stimme hören, den Unmut und den Neid.

Ist ihre überkorrekte Schale nur der Panzer, der ein weiches Inneres schützt ?
Eine Muschel, die innen drin fleischig weich und warm, ein sehnsuchtsvoll hämmerndes Herz birgt ?
Ob sie jemals geliebt wurde, so sehr, dass ihr der Atem wegblieb ? Dass ihre Blutbahn heisse Lava produzierte, die pulsierend ihre Zellen nährte ?
Wurde sie je so geliebt, dass sie neue Koordinaten im Leitsystem ihres Lebens setzen musste und sie abends nicht einschlafen konnte, weil sie so liebte ?

Als wir aussteigen, am Ende der Fahrt, sie direkt hinter mir, sieht ihre Jacke plötzlich so zerknittert aus wie ihr Gesicht. Ihr Blick ist trüb und ihr Gang schleppend.
Ihre Schuhe wirken jetzt billig.
Ich wünsche ihr leise ganz viele Dinge auf ihrem Weg. Vor allem aber
Liebe. Davon ganz viel.

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3 Gedanken zu “Die Frau

  1. Sofasophia schreibt:

    ich seufze laut. solche gedanken sind mir so vertraut – liebevolles „durchschauen“ nenne ich es für mich.

    ich hoffe, du fühlst dich bald gut vertraut auf deinen neuen wegen, die du gehst.

    herzlich, soso

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