Schreiben

Wenn der Mistral weht

Das ist die Geschichte einer Liebe.                                                         
Und eines Zuges. (Aber das ist das gleiche)

Zuweilen, wenn der Wind in ihrem Kopf zu stark von einem Ohr zum anderen bläst, spürt sie, dass es mal wieder Zeit ist zu gehen. Sich die Freiheit zu nehmen,  ohne konkretes Ziel (das Ziel wird erst während der Fahrt klar, vorher ist es noch trüb) einfach in den Zug zu steigen. Den Kopf müde an die Fensterscheibe zu legen, während draussen die Landschaft bunte Streifen hinterlässt.

Sie sieht Kühe auf einer Wiese, jede von ihnen auf ihrer Position, als hätte sie jemand so hingestellt, dass sie ein Muster ergeben.
Sieht Risse in der Landschaft, die irgendwann entstanden und jetzt Täler bilden.
Kann Dörfer sehen, Berge, die sich in Seen spiegeln und kleine Schiffe, die dort kräuselnde Wellen verursachen.

(Sie ist eine phantasievolle Melancholikerin. Das gebe ich zu. Was ich aber hier beschreibe, entspringt nicht ihrem pinkigen Zuckerwattegeist, sondern der Realität. Die, so ist es oft, noch viel schöner ist, als die Beschreibung.)

Sie sieht eine junge Frau an einem Bahnhof stehen, eingewickelt in eine bunte Jacke aus Wolle. Sie trägt in ihrem Tuch ein winziges Baby, dessen Kopf sie zärtlich streichelt. Die beiden sind ein eigenes, glückliches Universum. Zerbrechlich und trotzdem stark.

Der Zug ruckelt, kämpft sich den Berg hoch. Sie wird in den Sitz gedrückt, da sie bergwärts sitzt. (Sie sitzt mit dem Blick in Fahrtrichtung, weil sie nicht anders kann. Den Blick zurück mag sie im Grunde nicht. Sie will sehen, was auf sie zu kommt.
Und damit die Möglichkeit haben, wenn das, was sie sieht, ihr gefällt, den Kopf drehen zu können. )

Der Mistral in ihrem Kopf wird mit jedem Kilometer ruhiger. Lässt  zunehmend zu, dass ihre Gedanken wieder im Kopf Wurzeln schlagen können.
Mit jedem Atemzug entfernt sie sich weiter weg von den unsortierten Wörter in ihrem Kopf und am Ende, der wieder ein neuer Anfang ist, wird sie ihn zünftig schütteln. Damit die angeknabberten, bissigen und fauligen Worte aus ihrem Kopf fallen. (Vermutlich auf die Gleise. Wo sie vom nächsten Schnellzug überfahren werden.)
Der nun gezähmte Wind hilft ihr dabei.

Ps. Ihre Eltern besassen nie ein Auto. Alle Reisen fanden mit der Bahn statt.
Das prägt.

Pps. Sie machte auf ihrer Reise einen poetischen Zwischenhalt bei ihm und seiner Ausstellung in Bern.

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3 Gedanken zu “Wenn der Mistral weht

  1. fraufrogg schreibt:

    Ich glaube, ich kenne den Ort auf dem Bild. Das würde auch zur Steilheit des Terrains passen – gute Wahl! Ich liebe diesen See bei Föhn!

  2. Ich bin überzeugt, du kennst den See: Er ist der kleine Bruder des See, an dem ich aufwuchs.
    (Weisch. Perron 12 beim grossen Bahnhof. Dort fährt die Bahn meistens).

    Gestern war er auch ausserordentlich schön: Er reflektierte die Buntheit der Wälder ringsum. Fantastisch.

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