Schreiben

Mein grosser Bruder

Mein Bruder war etwas älter als ich und wenn wir gut drauf waren, sprangen wir gemeinsam, Hand in Hand, mitten ins Leben hinein. Gerade so wie man von einem Sprungbrett in einen kalten See springt: 
Mit angezogenen Beinen und einem lauten Lachen. 
Er war schöner als ich. (Ich empfand mich nie als schön. Als Kind schon gar nicht. Ich mochte meine blonden Locken und den Kontrast zu den Schokoladeaugen. Aber sonst fand ich nichts, was schön an mir war). 
Auf den wenigen Fotos, die es von uns gab, konnte man die Ähnlichkeit zwischen uns sehen und jeder sagte: „Oh. Ihr seht ein bisschen wie Zwillinge aus“. Was uns zu Lachkrämpfen provozierte. 
Wenn in der Schule der eklige Martin mal wieder meinen Bleistift klaute und ich ihn rennend  über den Pausenhof deswegen verfolgte, er war immer schneller als ich, war mir klar, dass ich das meinem Bruder sagen würde zuhause. Und er Martin verdreschen würde. 
(Zumindest in der Grundschule. Später übernahm ich das selber.)

Wir teilten ein Zimmer. Ich brauchte ihn in meiner Nähe, unbedingt. Und wenn ich von meinem Taschengeld einen Schokoladeriegel kaufte, ass ich  nur die Häfte. Wickelte das Papier sorgfältig um die andere Hälfte und 
brachte ihm seinen Anteil. Abends lag er neben mir, ich war es, die an der Wand schlafen durfte, während wir uns die spannendsten Stellen aus den Büchern vorlasen. (Die 3 ??? Fragezeichen. Wir haben sie alle durchgelesen. Alle).Wir verbrachten die schulfreien Nachmittage am See und dachten uns Geschichten aus oder fuhren zur Koppel, um dort die Pferde zu beobachten. Es war nicht so, dass ich keine Freundinnen gehabt hätte, es war vielmehr so, dass ich sie manchmal einfach nicht ertrug. Und einfach mit meinem Bruder zusammen sein wollte: Schliesslich war er mein engster Vertrauter und erfuhr alle Geheimnisse von mir. 

Wenn ich mal wieder etwas angestellt hatte, nahm er die Schuld auf sich uns sagte mit lauter Stimme: „Ich wars !“
Ich hatte nie ein schlechtes Gewissen deswegen, dass war nun mal so und mein Bruder spielte seine Rolle gut.Sehr gut. Schliesslich hatte er die beste Regisseurin, die zugleich die Autorin und Protagonistin seines Lebens war, das ich erfunden hatte. 

Mein Bruder brach eines Tages zu einer Reise nach Amerika auf.So erklärte ich mir sein Verschwinden aus meiner Fantasiewelt. Anfangs schrieb er noch Briefe, die wurden spärlicher und dann hörte ich gar nichts mehr von ihm. Ich vermisste ihn anfangs, seine Zuneigung und die Freundschaft, die uns verband. Dann traten Jungs in mein Leben und sie nahmen seinen Platz sein. Zackbumm. Als wäre er nie gewesen. 

Ich glaube, wäre ich heute so jung wie damals, würde ich von meinen Eltern zu einem Psychologen geschickt. Meine Mutter würde stille Tränen weinen und sich die Nase leise mit einem Taschentuch putzen und sich dabei fragen, was sie in meiner Erziehung falsch gemacht hat. Während der bärtige, dicke Psychiater in Birkenstocksandalen mir meinen Bruder ausreden würde. 
Vielleicht hätten sie alle es irgendwann sogar geschafft, meinen Bruder zu vertreiben, ohne dass ich es wollte.(Ich war doch noch nicht so weit) Und ich, die keine Geschwister hatte und sich nichts mehr wünschte als das, wäre alleine gewesen. Hätte womöglich Nägel gekaut, mir meine Arme mit Scheren aufgeschnitten und wäre vielleicht sogar mit Martin, dem Quälgeist, mit 12 im Bett gelandet. 

Mein imaginärer Bruder. Wir hatten es schön  zusammen. Richtig schön.

 

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9 Gedanken zu “Mein grosser Bruder

  1. wer bestimmt, was realität und was imagination ist?

    ich hatte eine solche diskussion mit meinem himmelsauge. und wir kamen zu keiner schlüssigen antwort.

    ich sah als kind gespenster (manchmal heute noch, als erwachsene). für MICH war das realität. für meine eltern nicht.

    wer hat nun recht?

    • Wir haben heute bereits kurz über Realitäten (Plural) geredet, du und ich, beim Essen. 🙂

      Ich glaube, es gibt eine objektive Realität, welche in die Norm der Gesellschaft passt…Und eine subjektive.
      Wenn es Schnittstellen gibt, dann kann es sein, dass das eigene Denken als verrückt angesehen wird.

      Was solls. Jedem das Seine.
      Dir deine Geister, was die wohl letzte Nacht alles angestellt haben, und mir mein erdachter Bruder.

      Wir tun niemandem weh damit.

  2. Diese Deine Geschichte ist ein so gutes Stück Blogliteratur!
    Erinnert mich an den Buchtitel „Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben“ (Ben Furman).
    Gruß von Sonja

  3. ich kann wildgans nur nachplappern: eine wunderbares stück blogliteratur, liebe lilafrau.

    und aber auch ein wunderschöner ausschnitt in die kindheit eines phantasiebegabten menschen. phantaise, die du dir – wohl nicht zuletzt dank deines grossen bruders – bewahren konntest. und nein, für sowas geht wohl niemand zum psychologen. als pädagogin kenn ich dieses phänomen und kann dir versichern: es ist relativ normal, was nicht heisst, dass das alle „haben“ (geister oder fiktive geschwister), aber dass es durchaus nicht pathologisch ist, sich fiktive gestalten auszudenken. bei mir wars eine fiktive brieffreundin, der ich viel mehr schrieb und erzählte als den „richtigen“ (brief)freundinnen …
    ein grosses kompliment zu diesem wunderschönen artikel.

    herzlich sofasophia

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