Schreiben

Fallen

Dann kommt der Morgen, an dem du vorne an der Kreuzung den Blinker deines Autos anders stellst. Nach rechts, statt nach links.

Du bist etwas später aufgestanden als sonst, das passt jetzt. Hast die Kaffeemaschine laufen lassen, dir die wichtige Dosis Koffein zugeführt. Müde und träge. Hast die am Vorabend zurechtgelegten Kleider angezogen, nur so passiert kein Missgeschick in der Auswahl, und hast dir eiskaltes Wasser ins Gesicht geklatscht. Mit beiden zur Schale geformten Händen.
Ein letzter Blick auf dein Bett: Du siehst zwei Dellen in den Kissen. Einer davon ist deiner.

Dann gehst du. Verlässt das Haus. Die Katze. Die Kaffeemaschine. Dein Bett.  Die Geborgenheit des Gewohnten.

Es ist wie der Sprung von einem 3 Meter Brett ins kalte Wasser.

Du willst am neuen Arbeitsplatz, Blinker nach rechts ab heute, deine Erfahrung und dein Fachwissen einbringen. Einfach gut sein, in dem was du tust. Das bist du dir wert. Mehr geht nicht.

Nach ein paar Tagen wird morgens das Setzen des Blinkers zur Gewohnheit. (Bisher bist du zumindest noch nie falsch abgebogen. Du vermisst dein altes Team. Ein bisschen.)
Du siehst neue Farben, gehst ungewohnte Wege, triffst viele neue Menschen.
Obwohl du dir vorgenommen hast, dich emotional nicht mehr an an deine neuen Teamkollegen und Patienten zu binden, weil du nicht gerne Tschau sagst. Weil du Menschen nicht gerne vermisst, wenn du gegangen bist.
(Und das bist du oft in den letzten Jahren. Einfach weg gegangen. Hast irgendwo neu begonnen. Du springst immer wieder ins kalte Wasser. Obwohl du ungern frierend am Rand des Wassers stehst und schlotternd auf den Heimweg gehst.)

Die anderen haben nichts mit mir zu tun. 
Denkst du, oben im rationellen Kopf.
Aber das geht  nicht. Spätestens nach ein paar Tagen sind die warmen Gefühle da, wenn du lachst, lachen andere zurück. Sie interessieren sich für dich. Der Kaffee steht morgens da, wenn du etwas später kommst. Deine liegengebliebene Arbeit, du steckst im Chaos des neuen fest, ist am nächsten Tag wie durch Zauber erledigt. Man nimmt dich mit nach Feierabend und zeigt dir die neue Stadt oder schreibt dir unerwartet eine sms mit der Message, dass du ein wundervoller Mensch bist und man sich freut, dass du im Team angekommen bist.

Dann kommt der Morgen, an dem du schon zwanzig Mal an der Kreuzung den Blinker nach rechts statt nach links gesetzt hast. Du bist noch immer träge, müde und erwischt dich mit einem Lächeln im Gesicht.
Und dem Gedanken, dass du darüber schreiben solltest.

Vielleicht machst du damit anderen Mut. Die schon wieder ins vermeintlich kalte Wasser springen:
Im Grunde ist es lauwarm und Wasser trocknet schnell. Schwimmen kannst du ja.

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6 Gedanken zu “Fallen

  1. hach, liebe madame, ich hoffe, dass ich auch bald die kreuzung finde, wo ich den blinker rechts statt links setzen kann (noch lieber wär mir, die hand als zeichen setzen, wenn ich mit dem velo zur arbeit kurble). ja, du machst mut und ja, so gehts mir auch immer. rationalität und vernunft ist was für andere. 🙂
    wunderbarer text!!!
    herzlich, soso

    • Auch du, meine Liebe, wirst plötzlich an dieser Kreuzung stehen. Auf dem Fahrradweg.
      Und dann….Ja dann ! …Werde ich dir eben gerne und nochmals erzählen, warum Mut zur Veränderung immer belohnt wird.
      Aber wem erzähle ich das…DU bist es ja, die dieses Jahr einen ganz mutigen Schritt nach Norden gemacht hast. Sozusagen 🙂

  2. SuchendeBella schreibt:

    ah, da wird mir richtig warm ums Herz…. Danke für die lieben und inspirierenden Zeilen, sie werden mich in nächster Zeit ganz sicher besonders begleiten. Auch für mich heisst es bald ,,Blinker neu stellen,,. und ich freue mich darauf… wenn auch noch etwas unsicher…. aber wie du sagst, Wasser trocknet schnell…. ps. du bist ein wundervoller Mensch!!!

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