Befindlichkeiten, Leben, Staunen, Träumen

Die Tanne und ich

Es schneite leicht und langsam wurde es dunkel. Die Welt ringsherum war vielleicht etwas stiller als an anderen Tagen, es lag  ziemlich viel Schnee, aber nichts deutete darauf hin, dass es ein unvergessener Tag werden würde.
Dinge passieren oft unerwartet. Niemand kommt auf einen zu, klopft sacht auf die Schulter und kündigt etwas unerwartetes an.
Geht nicht. Weil das die Essenz des Un-erwarteten ist. Nicht ?

Also. Es war ein gewöhnlicher Tag, als der Baum zu mir sprach.

(Ein paar Leser werden jetzt hier süffisant grinsen. Sie haben es ja schon immer gewusst: Die Lila spinnt ja. Aber heftig.
Ich widerspreche jenen Leuten nicht, die sowas denken. Vielleicht zucke ich gleichgültig mit den Schultern, so ganz leicht, mehr aber auch nicht.)

Ich stand auf dem kleinen Balkon der Villa, fror (es schneite, wie gesagt) und war im Begriff, die schweren Läden zu schliessen. Das alte Haus steht in einem Park, umgeben von hochbejahrten Bäumen aller Arten. Vorne an der Strasse stehen beispielsweise ein paar Tannen. (Geneigter Leser weiss: Dort fliegt das Mädchen morgens immer vorbei). Links um die Ecke stehen die Laubbäume, die jetzt nur noch karge Gerippe sind, weil das Laub fehlt.

Eine dieser Tannen, die schwer trug am Schnee, war es, dir fast zärtlich fragte: „Wie geht es dir denn heute ?“
Von einer betagten Tanne erwartet man eher eine tiefe, sonore Stimme. Diese aber war überraschend warm und angenehm.tanne

Ich erschrak. Schliesslich spricht nicht täglich ein stattlicher Baum zu einem. Also hielt ich in meinem Tun inne, zögerte mit der Antwort und nickte schliesslich : Ja. Danke. Mir geht es gut.
Die Tanne erwiderte, wie schön das sei und dass dies sie besonders freue. Dann begann sie zu erzählen, von ihrem Tag. Dass es ihr auch wieder besser gehe und sie sich doch freue, mich zu sehen.

Ich errötete. (Das tue ich oft. Wie ein pubertierendes Mädchen erröte ich bei allen unpassenden Gelegenheiten.)
Die ganze Situation erschien mir, hmmm, auf eine besondere Weise suspekt, surreal aber auch wohltuend:
Ich spreche mit Katzen, und sie mit mir, ich plaudere mit Blumentöpfen, Hunden und Kühen. Warum sollte ich meine kleine Diskussionsrunde nicht um eine Tanne erweitern ?

Ich lauschte dem Baum, der mir fast schon vertraut war, wie er sich langsam in einen Monolog verlor, bei dem ein Drucker vorkam, der an diesem Tag durch seine Trägheit ein ganzes Büro lahm legte. Bevor ich mich einbringen konnte, kam eine winzige Liebeserklärung (ich vermisse dich) und der Wunsch, man möge doch morgen zusammen Essen gehen.

Hier war der Punkt, an welchem ich verstört und bekümmert die Silhouette eines Menschen (Mann) wahrnahm, der unter der dicken Tanne stand, Schutz vor dem fallenden Schnee suchend, und telefonierte.

Zu meiner Verteidigung muss ich erwähnen, dass ich nicht besonders gut sehe. Und das, was ich sehe, sich meist nicht mit dem deckt, was andere graue Realität nennen.
Dafür ist mein Leben bunt. Tannengrünbunt auch.
Die Tanne kann reden, nur höre ich sie nicht. Weil der Mann mit dem Handy zu laut war.

Standard

3 Gedanken zu “Die Tanne und ich

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s