Schreiben

Lametta

In ein paar Tagen werden sie wieder auf der Strasse liegen: Hingeworfen, bereit zum Entsorgen durch die stätische Grünabfuhr. 
An ein paar von ihnen hängt noch silberen Lametta: Sie erinnern mich jeweils an alternde Tänzerinnen, deren Kostüm billig am mageren Körper hängt, wenn sie abends die letzte Vorstellung auf einer billigen Bühne vor betrunkenen Gästen geben. 

Sie wurden zersägt, in das Wohnzimmer gestellt und mit ganz viel TamTam (oder Liebe. Je nachdem.) geschmückt. Nach der Weihnachtsfeier vielleicht noch ein paar Tage bewundert. Dann raus geworfen. Weg damit. 

Ich weiss nicht mehr, wie alt ich war, als ich verstand, dass die Tanne im Wohnzimmer tot war. Vielleicht sieben oder acht. Als ich begriff, dass sie aus dem Kreis ihrer Gruppe im Wald gesägt wurde, um bei uns im Wohnzimmer zu stehen. Und man sie nicht, wie ich vorerst annahm, einfach wieder in den Wald zurück brachte, wo sie fröhlich weiter wachsen konnte. 

Ich weinte, als ich verstand. Dann pflückte ich am Tag der Müllabfuhr das Lametta von allen Bäumen, die bei uns auf der Strasse lagen: Ich fand den biligen Tand an ihnen entwürdigend. 
Fortan wollte ich zwar weiterhin Geschenke an Weihnachten, aber keine Tanne mehr. Auf gar keinen Fall. Ich wollte keinen verwesenden Baum in der Stube, der komatös vor sich hin stirbt. (Nur weil Bäume leise sterben, heisst das nicht, dass sie dabei nicht leiden. Zitat Little Lila.) 

Der Versuch, als ich bereits ausgezogen war und mit einem Mann zusammenlebte, eine Tanne in einem Topf ins Wohnzimmer zu nehmen, scheiterte ebenso : Sie verlor all ihre Nadeln und weigerte sich stur, wieder eingepflanzt im Garten weiter zu wachsen. 
Keine Wegwerftanne in der Lila Stube. Auch dieses Jahr nicht.
Und mit dem gesparten Geld gehe ich heute Bücher kaufen. Die Liste, der geplanten Bücher, habe ich bereits im Kopf. Und entspricht finanziell etwa dem von 20 gekauften Tannen. 
Schliesslich gilt es, die Tannen der letzten Jahre einzurechnen, die ich nicht kaufte. 

1)Ich mache das alle Jahre so.
2)Schliesslich muss mein Umweltgewissen belohnt werden

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2 Gedanken zu “Lametta

  1. gestern abend durchs tessiner dorf spaziert. bereits hängt die tafel „abfallplatz für tannen“. beim migros, der seit heiligabend geschlossen ist, stehen mind. 50 nicht verkaufte bäume, vergebens gestorbene! im kopf spinne ich DIE alternative weihnachs(baum)geschichte.

    ich boykottiere weihnachtsbäume seit meiner pubertät.
    aber es ist doch nur ein kleiner, sagte die mutter. ich: eine babytanne! wie kannst du nur!
    sie: aber die werden doch extra für weihnachten …!
    ich: umso schlimmer! ist wie kälbermast!

    vegi bin ich auch seit damals 🙂 und warum ich mit soo viele bücher gekauft habe, weiss ich nun auch endlich!

    liebi grüessli, soso

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