Befindlichkeiten

Von weinenden Männern und toten Fröschen

Ich war acht oder neun Jahre alt und stand neben Tata in der alten Küche des Hauses in Frankreich. Wir alle haben an diesem Tag Mirabellen geerntet und ich war diejenige, die zwischendurch ihre Körbe stehen liess und davon huschte, um irgendwo meinen Träumen nach zu hängen. Auf dem Herd standen drei Töpfe, es roch nach Knoblauch und der Hektik, die zuweilen In Küchen herrscht, wenn alle Gerichte gleichzeitig vor sich hin dampfen. Tata rief mir zu: „Verbrenne dich nicht !“ Gleichzeitig hob ich den Deckel der grössten Pfanne, warf einen Blick hinein, liess ihn abrupt wieder fallen und konnte nicht verstehen, warum darin kleine Frauenbeine brieten. So sah es für mich aus: Beine von einem Dutzend Barbiepuppen in einer grossen, Gusseisernen Pfanne.
Ich glaube, hier fing ich an, über das nachzudenken, was ich esse und beschloss, mich für die Tiere einzusetzen. „Das sind, mon bijoux, Froschschenkel und eine Delicatesse !“

Opa zwang mich an dem Abend, davon zu probieren. Ich spuckte alles ins Klo und wusch meinen Mund aus.

Meine Eltern waren in ihrem Essverhalten pragmatisch: Was schmeckt, wird gegessen. Genuss rechtfertigt alles. Während ich die foie gras in den Gläsern ignorierte, die selbst geräucherten Würste und alles, was mich mit toten Augen vorwurfsvoll ansah. Ich schwieg. Liess mich zu nichts überreden und gestattete es , dass sich meine Eltern für mich schämten, wenn ich bei Einladungen Nahrungsmittel einfach stehen liess, weil mich ihr Anblick anwiderte.
(Entschuldigt. Das Leben mit mir war mit Bestimmtheit nicht einfach.)
Schwierig wurde die Situation, als wir bei einem Moslem eingeladen waren, der ein spezielles Couscous mit Lamm zubereitete. Lamm. Ein kleines Babyschaf !
Moslems sind ausgesprochen gastfreundlich und erwarten, dass man sie respektiert. Ein zehn jahre altes Mädchen, das nicht essen will, gehört nicht in ihren Erfahrungsschatz. Ich war plötzlich im Mittelpunkt des Geschehens, wurde zuerst lieb gebeten, doch etwas zu probieren, während  Grossvater, der cholerische Patriarch, mir drohte, mein Taschengeld  zu streichen und alle, was mir lieb war, für immer wegzusperren. Der Moslem weinte inzwischen laut und untröstlich am anderen Ende der Tafel, was mich nun doch ein bisschen beunruhigte, während der Rest der Gäste (es waren etwa 20 Leute dort) mich hassten. Abgrundtief.

Ich ertrug auch das. Und lernte: Was mich nicht umbringt, macht mich stark. Während mich die einen einen nervigen Trotzkopf nannten, war ich eher der Meinung, dass ich einfach kritisch hinterfragend und beharrlich meinen Weg ging.
Stur vielleicht. Aber auch ambitioniert.

Seit Jahren esse ich kein Fleisch mehr. Es geht mir bestens, ich bin nie krank und finde diesen Weg viel ehrlicher. Mich ekelt nur noch von den Massnahmen, mit denen noch immer Tiere gezüchtet und zu Futter für Menschen verarbeitet werden.

Meine Mitbewohner lieben Fleisch. Mir macht es nichts aus, mein Tofuwürstchen neben ihrem Steak in der Pfanne zu braten. Insofern gehe ich noch immer meinen Weg und lasse die anderen ihren Weg gehen.

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2 Gedanken zu “Von weinenden Männern und toten Fröschen

  1. ich war sechzehn und ebenso konsequent wie du. mein vater argumentierte, dass ich nie einen mann finde. meine mutter, dass das nicht gesund sei. ich bin es noch, vegi, und längst nicht mehr so missionarisch wie damals. aber in der gleichen pfanne geht nicht. das widersteht mir. mein liebster (ja, ich „habe“ nun sogar auch einen „gefunden“, nach anderen ohne, der fleisch mag) plädiert zuweilen vor gästen, wie toll die vegetarische küche sei.
    es leben die vielfalt und die tiere!

    • Ich liebe Tiere, wie du, lebendig 🙂

      In der gleichen Pfanne geht, wenn du Familie hast und unter Zeitdruck für fünf oder sechs Leute kochst, wirst du pragmatisch. Glaub mir ;-).

      Vegiküche hat inzwischen Stil und den Mief von ‚Hanf statt Plastik‘ und modrigen Bioläden verloren. Habe mich kürzlich in einem Buchladen. (Meissner.Weisch) umgesehen und gestaunt, wie viele, richtig coole, Vegikochbücher es inzwischen gibt.

      LG. !

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