Befindlichkeiten, Menschen, Schreiben, Sehen

Marrakech

Ich sitze seit einer ganzen Weile an der Tastatur, neben mir dampft der Kaffee. Draussen ist es neblig und kalt. Ich habe mir vorgenommen, Marrakech und meine Tage dort zu beschreiben: Niemals hätte ich gedacht, wie schwierig das sein wird.5

Wie soll ich die Stadt beschreiben, die derart pulsiert, die so voller Farben ist: Die Wände sind alle in dieser warmen Terrakottafarbe gestrichen,die sich dem Licht der Sonne anpasst und in allen Schattierungen leuchtet. Die Gassen der Medina sind voller Menschen, oft verschleiert, vielfach mit Motorrädern unterwegs oder mit Eseln, die viel zu schwere Karren mit Säcken hinter sich her ziehen. Man sieht Bettler, die am Boden sitzen und viele Katzen, die erstaunlicherweise geschätzt werden: Ich habe nie jemanden gesehen,der grob zu einer Katze war, im Gegenteil.

Die Souks sind an Buntheit nicht zu überbieten: Dort wird alles verkauft oder verhökert,was möglich oder eben auch unmöglich scheint. An den meisten Ständen kann man zusehen,wie sie die Taschen, die Lampen, die von mir so geliebten Babouches anfertigen,die sie verkaufen. Es ist niemals laut, obwohl dort so viele Menschen herumlaufen. Oberstes Gebot: Handle, wenn  du etwas kaufen willst. Gib erst auf,wenn der Händler dir händeringend erklärt, dass er vier Kinder zuhause hat, die deinetwegen verhungern werden. Marokkaner lieben das Drama und das Spiel. Ihre Preise sind überrissen hoch, weil sie wissen, dass das Feilschen ein Teil vom Handel ist.

Sie sind freundlich. Herzlich. Sie erkennen dich wieder, wenn du mal bei ihnen etwas gekauft hast, halten dich auf um dich zu fragen, was du heute von Marrakech gesehen hast.Und sie schauen dir in die Augen, direkt und klar, wenn sie mit dir reden.

Man verläuft sich sehr schnell in den Gassen der Medina. Alles sieht so ähnlich aus: Da alle Gebäude gleich hoch sind, keines darf höher als 5 Stockwerke hoch sein, der Minarette wegen, orientiert man sich am Besten an den vielen Moscheen. Darum: Immer ein paar 20 Dirham Banknoten in den Taschen haben für die  Jungs, die dich zurück zum Riad führen. Manchmal staunst du, dass du vielleicht nur eine Gasse von deinem Ziel entfernt gewesen bist.

Gewalt habe ich keine gesehen.Hat es damit zu tun, dass kein Alkohol verkauft wird ? Sie fahren wie die Verrückten mit ihren Autos und den Kutschen durch die Strassen des neuen Marrakech, sie nehmen anderen die Vorfahrt und kümmern sich nicht um Verkehrszeichen. Dennoch habe ich keinen einzigen Unfall gesehen, keine Aggression gespürt wie es in Europa häufig zu sehen ist: Inshallah! So ist es, so Gott will. Wir würden es so übersetzen: Take ist easy.
Für die Menschen dort keine Worthülse, sondern eine Einstellung.

Sobald man Marrakech verlässt, wie fuhren ins OurikaTal, kann man die vielen Grossprojekte sehen, die geplanten Golfplätze der vielen Holdinggesellschaften, die dort Geld in Luxushotels investieren. Dicke Mauern um exklusive Gäste: All inklusiv. Den Gästen wird vom Besuch des belebten Marrakech abgeraten, wozu auch, man hat doch alles: Geheizter Pool, während den Armen das Wasser knapp wird.

Etwas weiter sieht man dann die Orangenplantagen. Olivenhaine und unendliche Weite. Eine Mischung von Wüste und verdorrtem Gras. Nichts, bis zum Horizont einfach nichts.
Die Strassen sind zugemüllt. An den Bäumen hängen die braunen Säcke,in die jeder Händler unbedingt, auch wenn du es nicht willst, seine verkaufte Ware legt. Die Säcke sind so leicht, dass sie aus der Medina fliegen und in den Bäumen hängen bleiben. Umweltschutz ist hier noch nicht angekommen: Bei der Wanderung im Atlas sahen wir immer wieder zerbrochene Glasflaschen herum liegen. Und Affen: Die Makaken ziehen jetzt ihre Jungen auf, klettern über die Felsen. Beobachten wir sie oder sie uns ?

Fazit: Wenn Marrakech, dann unbedingt in einem der unglaublich schönen Riads in der Medina. Die Marrokaner sind aufdringlich, aber niemals aggressiv oder unfreundlich. Den so angepriesenen djemma es fna kannst du vergessen: Nicht mehr authentisch, nur noch für die Touris. Die Ware made in China.Ein paar Schlangenbeschwörer. Überteuerte Hennatatoos. Affen, die für Fotomotive herhalten.

Und: Mir viel es schwer, diese verkürzte Version einer so fantastischen Stadt zu schreiben. So vieles fehlt, was ich gerne beschrieben hätte. Mein Eindruck hätte aber eure Geduld erschöpft und wäre viel zu lang geworden.
Darum: Kurz und wichtig —> Fliegt hin. Geniesst es. Und grüsst mir Hassan, Mustafa, Izz und alle anderen, die mir so geduldig alle Fragen,die mir der Recherche dienten, beantwortet haben.
Sagt ihnen: Ich komme wieder.

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10 Gedanken zu “Marrakech

    • Hör auf mit den Teppichen. Das ist das einzige Handwerk dort, das mich ziemlich kalt lässt :-). Ausserdem wurde ich ziemlich oft in komische Gassen gelockt, an denen mir Teppiche zu verkaufen versucht wurden…Jesses:-)

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