Schreiben

Himbeerfrau

Manchmal fange ich ihren Blick auf mit meinem .Sie kreuzen sich, bleiben ein bisschen aneinander kleben, beobachtend, bis sie sich lösen und jeder wieder die Blickrichtung ändert. In diesen Momenten kann ich häufig die blanke Wut in ihnen sehen, den ungefilterten Hass. Nicht auf mich, beileibe nicht: Auf irgend wen, das Leben an sich vielleicht. Gelegentlich erzählt sie mir aus ihrer Kindheit, die keine gewesen ist. Weil sie nicht Kind sein konnte, in ihrer Welt, die geprägt ist von einer Flucht und der Suche nach einem neuen Leben. Am neuen Ort übernahm sie die Rolle ihrer Mutter, die arbeiten ging, zog ihre kleineren Geschwister auf. Schlichtete den Streit ihrer Eltern und ging nebenbei zur Schule.
Ein Schicksal, wie es viele gibt. Flücht-linge. Nicht alle teilen diese brutale Erfahrung, zum Glück. Von denen, die sich anpassen, bei denen alles glatt läuft, hört man nichts.

Wenn sie geht, tut sie es mit der forschen Art einer jungen Frau, die keine Angst vor dem Ziel hat. Wenn sie spricht, tut sie es laut, um gehört zu werden. Ihre Sprache ist eine direkte, zuweilen mit der Härte eines Mannes, gespickt mit ordinären Ausdrücken. Sie hat schlagkräftige Argumente, liebt es, sich mit scharfen Worten mit anderen zu messen. Es gibt nur Angriff oder Verteidigung. Sie hat sich für Angriff entschieden. Ausserdem ist sie eine Schöne, eine gepflegte Frau.

Sie kommt auf mich zu, ich kann ihre Faust sehen, die geschlossen in meine Richtung zeigt. Sie sagt, sie möchte mir etwas zeigen. „Komm her“, antworte ich „ich möchte es sehen“.
Die Hand wird nach oben gedreht, die Finger lassen los und legen eine kleine Himbeere frei. „Eine Himbeere.“ Sage ich. Sie sagt: „Sie hat Haare…“
Ich betrachte die Beere, nehme meine Brille aus der Tasche, während sie über meine Kurzsichtigkeit lächelt, und gehe nahe an ihre Hand heran: Ich weiss, dass diese Beeren ein bisschen pelzig sind, aber diese ist etwas besonderes. Aus jeder kleinen Beerenkammer sticht ein Stachel hervor, so, als hätte sie Gänsehaut. Wir schauen uns gemeinsam und still die Himbeere an. in diesem Augenblick ist sie die Essenz des Lebens, weil nichts mehr Bedeutung hat als dieser Moment.

Ich bin sicher, hätte ich ihre Augen sehen können, ich hätte das staunende Kind gesehen. Das sie nie sein konnte, aber dennoch noch immer ist.

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