Schreiben

Human ?

Sie trägt Schuhe aus ökölogisch gegerbtem Leder mit einer festen Sohle. Mit dem Label eines Ladens, der Mode im oberen Preissegment verkauft und sich damit brüstet, dass alles aus nachwachsenden Rohstoffen produziert wird.Nachhaltig. Ohne Kinderarbeit in Bangladesh.
Kaufen und ein gutes Gewissen haben.
Ihre Frisur sitzt, die Farbe glänzt, der Schnitt ist so, dass kein Haar aus der Reihe tanzt: Alles ist wohlüberlegt, reflektiert und auf die Tauglichkeit geprüft wie ihr eigenes Leben. Nichts wird dem Zufall überlassen.
„Du musst, “ sagt sie zu der anderen Frau „dein Konsumverhalten überdenken !“
Dabei schaut sie, ihr kleines Näschen rümpft sich, als würde sie einen widerlichen, stinkenden Fisch sehen, auf die billigen Schuhe der anderen. Dann folgt ein Monolog, den ich nur bruchstückhaft mitbekomme, weil ein Bus hält.Leute entlässt. Welche wieder mitnimmt. Ich suche in meiner Tasche nach nichts, tue so,als wäre meine Tätigkeit ungeheuer wichtig, damit ich nicht als Lauscherin entlarvt werde.

Die andere hat eine Einkaufstasche neben sich vom Grossverteiler. Dem günstigen. Nicht nachhaltig, aber bezahlbar.Trägt Schuhe aus Plastik mit hohen Absätzen. Die Farbe ihrer Haare wächst sich aus und hinterlässt am Scheitel einen Ansatz. Ihr Kind schläft im Kinderwagen, er hat schmutzige, abgenutzte Räder.
Die andere setzt, weil keine Antwort kam, zu einem neuen Monolog an, den sie mit geradem Rücken, als wäre sie an einer Schnur am Himmel festgemacht, hält. Sie zupft  mit spitzen Fingern an der Jacke der anderen, lässt sie wieder los. Ich kann sehen, dass der anderen dieses Gespräch äusserst unangenehm ist. Diese Blosstellung ist mir peinlich, weckt meinen Protest.

Während ich mir eine passende Antwort überlege auf diese ’nachhaltig ökologische‘ Arroganz, gehen sie gemeinsam in den nächsten Bus ,der einfährt.
Meine Wut qualmt noch eine Weile weiter:Während sich die eine ein sozial korrektes Gewissen erkauft, schwebt die andere offensichtlich am Existenzminimum. Und wird dafür gerügt.

Zuhause kommen mir dann unzählige, schlagfertige Sprüche in den Sinn. Die ich nie loswerden werde. Schade.

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13 Gedanken zu “Human ?

  1. Das Schlimme an den Ökos ist ja nicht deren eigenes Konsumverhalten, sondern dass sie dies meist nutzen, um über andere moralisch zu urteilen. Öko wird damit zur fanatischen Religion, deren Anhänger auf den Rest der Welt herabschauen. DAS macht es so bitter. Das wurde selbst in Southpark thematisiert, mit der Snobwolke. Kennst du die Folge? Hier ist ein Link, da wird das herrlich auf den Punkt gebracht: http://www.southpark.de/alle-episoden/s10e02-snobwarnung

  2. :-)….Habe mir den Link angesehen. Treffend !
    Wir haben nur einen Planeten und wir müssen Sorge dazu tragen.Das ist klar.

    Mich macht es wütend, wie du es auch beschreibst, dies als Dogma, als einzig gültige Offenbarung, anderen vorzuwerfen. Vor allem wenn, wie in meinem Artikel, das Ökobewusstsein teuer mit präsentierbaren Modelabels gekauft wird.
    Öko ist eine elitäre Modeerscheinung geworden. Zumindest hier in der CH.

    Die Armen kaufen bei Aldi und wohnen in Sozialsiedlungen.Sie müssen sich ihr Fahrrad klauen lassen und wissen womöglich mitte Monats nicht mehr, wie sie ihre Kinder ernähren.Die Gutmenschen habe ihre Ökohäuser, heizen mit Solarstrom, deren Kinder gehen in die Rudolf -Steiner- Schule und sie haben ein Jahresabo für die Bahn. 1. Klasse natürlich. Weil es in der 2.Klasse so nach Schweiss riecht abends. Und sie haben viele Ämter in Politik und Gemeinde, unentgeltlich, weil die Menschen ja gerettet werden müssen .

    Und WIE das geht. Wissen sie sehr genau 🙂

  3. ich gehöre ja auch zu jenen, die sich gerne mal das schlechte gewissen freikaufen.
    aber diese arroganz … hm … das ist doch grotesk und unsensibel und überheblich. grmpf. deine antworten hätte ich gerne gelesen!

    gut in worte gepackt!!!

  4. … noch dies: bitte nicht alle ökos in die gleiche snobschublade kippen … ich kenne ganz andere …
    und snob kann auch ein nicht-öko-sein. ich kenne auch snobs der religion anti-öko.
    letztlich hat ja jeder und jede eine lebensanschauung. wenn wir uns bewusst sind, dass das nur ein ausschnitt vom ganzen ist, gehts. wenn nicht, dann sind wir missionarische snobs und … dann liesse sich dein toller artikel auf alle mögliche überzeugungen übersetzen.
    heilige kriege haben und hatten schon immer viele gesichter …

  5. Christian Lehnert hat in seinem Buch „Korinthische Brocken“ über die Religion geschrieben: „Ohne Liebe ist Religion nichts. Oder schlimmer: Fantatismus.“
    So sieht es mit allem aus, auch mit einem ökologischen Bewusstsein.
    Ich wäre ja neugierig auf all die Sätze, die Du nicht losgeworden bist, Mme Lila..

    • *lautlach
      Nein. Das will niemand hören, was ich (emotionsgeladen ) der Frau gesagt hätte. Wenn ich das Gefühl habe, dass jemand ungerecht behandelt wird, werde ich ziemlich einfallsreich, was meine Worte und Argumente betrifft.

      Diesmal scheint meine Kontrollinstanz funktioniert zu haben, Bedauerlich. 🙂

  6. Toll geschrieben. Das Schlimme ist ja wirklich, dass hier der eigentliche Sinn von Öko (so wie ich es verstehe) verschwindet (bewusster leben, gesünder leben, was für die Umwelt tun, tierfreundlicher leben, usw. usf.), sondern es einfach nur darum geht, sich selbst über andere zu erheben. Sich sagen zu können: ich bin besser als andere, weil ich weiß, wie es in der Gesellschaft zugeht. Und die Tolleranz schwindet und schwindet, weil alle anderen sind ja schlechte Menschen, die zum Untergang des Planeten Erde beitragen…Hach, bei sowas könnt ich mich in Rage reden 😀

    • Liebe Nemeryll….

      Ich glaube,dass das die Essenz der Diskussion ist: Es geht ,und ging in meinem Text, nicht um die Sache. Sondern um die unsägliche Überheblichkeit, die nicht mehr sachlich war. Hier wurde ein Thema missbraucht.

      Wir können alle voneinander lernen. Keiner ist besser als der andere.Und jetzt höre ich mich an wie ein Pfarrer auf der Kanzel, umdergötterwillen.

      Herzlich willkommen hier 🙂

  7. Das Dumme ist halt, dass in der Schweiz viele Leute keine Vorstellung davon haben, was es heisst, kein Geld zu haben. Über Geld redet man nicht. Man hat es einfach. Die Frau kommt erst auf die Welt, wenn die Kohle einmal nicht mehr so selbstverständlich hereinkommt.

    • Liebe Frogg

      Ich habe gesehen, dass zwischen hilfloser, bitterer Armut und dekadentem (ja. das auch) Reichtum oft nur eine Treppe in einem Haus liegt. Dass auch Menschen in der Schweiz, die durch das System gefallen sind, von 600.- monatlich leben. Ich war dort, als ich noch bei der Spitex war.
      Das übelste war immer die eigene Hilflosigkeit. Es aushalten müssen.Die Messis. Die Alkis und die Mütter. Die soziale Verwahrlosung.

      Nicht irgendwo. Sondern in der CH.

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