Schreiben

Maiglöckchentag

Frankreich (am Meer) 1.Mai 1985

Wir waren jung und verliebt und wir hatten uns beruflich eine Auszeit von 3 Monaten genommen, um mit unseren Motorrädern nach Portugal zu fahren. Wir hatten keinen konkreten Plan, gerade soviel Geld um ganz einfach leben zu können, mehr nicht. Aber wir hatten einander und eben, jeder sein Motorrad. Vor uns lagen noch unberührte Strassen, interessante Zeltplätze und spannende Menschen, die wir kennen lernen würden, als wir in der Nähe von St. Raphael unser Zelt aufschlugen. Es war recht voll, unser Zelt war so klein, dass wir es zwischen zwei italienische Familien mit hundert Kindern quetschen konnten. Komischerweise weckten uns am nächsten Morgen gegen halb sechs nicht die Bambini, die schliefen selig, sondern die Turteltauben in den Ästen der Platanen, die viel zu laut ihre Liebeleien austrugen. Es war unerträglich laut. Wer noch nie unter einer Gruppe Tauben schlief, in einem Zelt, weiss nicht, wie laut das sein kann. 

Ich war wach. Hellwach. Leicht genervt ging ich runter ans Meer. Langweilte mich schliesslich dort alleine. Spazierte träge durch den verschlafenen Zeltplatz und schimpfte leise über die blöden Vögel, alle, als ich das winzige Zelt sah : Es stand mit einer seltsamen Neigung nach rechts in der Nähe des Eingangs. So halb auf dem Weg zum kleinen Laden. (Die Leute, die sich später Brot und Milch dort holen würden, müssten einen Schwenker um das kleinen Zelt machen.)
Neben dem Zelt, auf dem winzige Tautropfen  in der erwachten Sonne glänzten, stand ein alter Döschwo. Es sah so malerisch romantisch aus, das ich leicht in Verzückung geriet. Meine Laune aber besserte sich um ein vielfaches, als das Dutzend kleiner Gläser sah, die vor dem Zelteingang in einer geraden Reihe standen. Wie zu einer Parade aufgereiht. In jedem dieser (Yoghurtgläser ?) stand ein kleiner Strauss Maiglöckchen: Winzige, weisse Blütenglöckchen, die trotzig aus dem Grün der Blätter ihre Köpfe streckten. Eine blumige Liebeserklärung an die Frau, die an dieser unpraktischen Stelle nachts ihr Zelt aufschlug. 
Ich widerstand der Versuchung, mich vor das Zelt zu setzen um darauf zu warten, dass die Frau erwacht. Um einen Blick auf sie werfen zu können. 

Und ich war begeistert. Mein Tag war gerettet, ich fand Turteltauben nicht mehr blöd und dass ich so früh wach geworden bin, in der Magie der blauen Morgenstunde den Camping in Ruhe entdecken konnte, war doch pures Glück. 

Maiglöckchen am 1.Mai: Es war schon immer Symbol für den Frühling und bereits die Kelten sahen es als Glücksbringer an. Ab 1561 erkannte König Karl IX. diesen Brauch offiziell an, indem er alljährlich am 1. Mai den Damen am Hofe ein Maiglöckchen als Glücksbringer überreichte. Die Blume wird auch bei Treffen zwischen Verliebten ausgetauscht. 
In Frankreich braucht es an diesem Tag im Jahr keine Bewilligung, um an unzähligen Ständen Maiglöckchensträusse verkaufen zu dürfen. Natürlich werden dafür auch keine Steuern erhoben. 

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