Schreiben

Ich kann nicht. Ohne dich

Als er ihr sagte, dass er sie wohl nicht mehr genügend liebe weinte sie eine *Weile. Sie ging zwei Tage nicht arbeiten, meldete sich krank und schrieb viele Mails und sms an ihn, die sie nicht abschickte, oder zumindest nicht alle.
(Es waren über 200 sms. Und sie schrieb 172 Mails. Davon schickte sie die Hälfte wirklich ab, wie viele davon von ihm wirklich gelesen wurden, wird sie nie erfahren. Er schrieb nicht zurück )
Am vierten Tag war ein Samstag, da ging sie das erste Mal zögernd aus dem Haus, um Tee und Brot zu kaufen. Am Sonntag regnete es und sie schaute sich den ganzen Tag alte Filme an, die sie sich die letzten zwei Jahre nicht ansehen konnte, weil er sie nicht mochte. „Frauenkram“. Fussball und Actionfilme interessierten ihn mehr.
Am Montag fuhr sie wieder ins Büro und warf abends all seine Sachen, die er liegen gelassen hatte, in zwei grosse Kisten und stellte diese abholbereit vor die Türe.
Seine rote XL Kapuzenjacke behielt sie als Andenken, sie roch so gut. (Sie weinte noch eine Stunde in die Jacke hinein, dann hatte sie keine Tränen mehr. Sie würde auch nie mehr weinen können: Womöglich war die Quelle durch den umfangreichen Tränenfluss schlicht versiegt. Wer weiss.

Eine Woche später bestellte sie beim Pizzakurier eine sehr grosse Pizza mit ganz vielen Zwiebeln drauf. Sie ass sie vor dem Fernseher. Und trank dazu eine heisse Schokolade mit einer dicken Haube aus Sahne. Fünf Tage später traf sie einen Kumpel von ihm, sie tranken Bier in einer Kneipe und flogen von dort betrunken in sein Bett: Er schlief mit ihr, um ihm eins auszuwischen und weil er einsam war. Sie schlief mit ihm, weil sie einsam war und um ihm eins auszuwischen.

Im folgenden Herbst besuchte sie Kurse, um in ihrem Beruf weiter zu kommen. Kaufte sich eine kleine Katze. Sie vermisste ihn gelegentlich, aber immer seltener.

Ihm erging es anders: Zuerst war er froh, sie los zu sein. Dieses Paardings, die dauernden Gespräche darum, wo man essen gehen will oder ob dieses Kleid oder doch jenes passender war, zerrte an seinen Nerven. Er genoss die neue Freiheit, schlief mit ein paar Mädchen, die er schon kannte, als er noch mit ihr zusammen war. Trank zuviel, flog mit Kumpels nach Barcelona für ein Fussballspiel und bezahlte viele Bussen, für zu schnelles Autofahren.
Nach ein paar Wochen begann er sie zu vermissen: Ihre Wärme im Bett neben ihm, die süsse Stimme morgens, wenn sie noch nicht reden mochte. Ihre zerzausten Haare, die er so gerne streichelte. Ihre Schuhe, die sie sorgfältig neben seine Haustür stellte, bevor sie Barfuss in seine Wonhung kam.
Vermisste die Art, wie sie immer kleckerte, wenn sie Tomatenspaghetti ass oder ihre Finger, die ihr Brot in kleine Stücke zupfte, wenn sie ihm Sonntags beim Frühstück eine Geschichte erzählte, die sie erlebt hatte.

Er schrieb ihr ein paar sms. (Etwa 20.) Und gleichviele Mails. Die sie nicht webeantwortete. Er vermisste sie wirklich so sehr, dass er sich betrank und bierselig nachts an ihrer Tür läutete.Sie öffnete nicht. Dann erfuhr er, dass sie mit M. geschlafen hatte.

Es machte ihn so wütend, dass er am 7.November, an ihrem Geburtstag, vor ihrer Türe wachte, bis sie heim kam. Sie war alleine. Er gemeinsam mit einem Strauss Lilien, ihren Lieblinsgblumen.

Er sagte: „Ich kann nicht leben ohne dich“
Sie sagte nichts.
Er sagte: „Sag was !“

Sie schloss die Türe auf, legte die Blumen in einen Krug mit Wasser, drehte sich zu ihm um und schüttelte den Kopf.

Er sagte, vermutlich ziemlich verzweifelt: „Lass uns heiraten !“

Sie sagte nicht ja. Zumindest nicht an diesem Abend. Es folgten noch ein paar Blumensträusse, ein paar Pizzaabende, garniert mit Zwiebeln und Gespräche über dies und das und Kleider und Gefühle und zerzauste Haare.
Dann sagte sie ja.

*52 Stunden ununterbrochen. Hätte sie in dieser Zeit nicht Tee getrunken, wäre sie ausgetrocknet.

Danke S. für deine Geschichte.

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5 Gedanken zu “Ich kann nicht. Ohne dich

  1. Renata schreibt:

    Und einmal mehr der Beweis, dass man nicht gleich aufgeben soll und dass es sich lohnt an die Liebe zu glauben. Wunderschöne Geschichte, danke fürs daran teilhaben lassen 🙂

  2. 52 std ununterbrochen? geht das?
    aber ansonsten eine verrückte geschichte – wunderbar erzählt. vor allem mit der haut auf der milch zu pizza …
    und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch?

    • Nein. Das geht nicht.
      Was aber sicher möglich ist, so lange zu weinen, dass es einem wie 52 Stunden vor kommt. Oder 100 😉

      Sie heiraten im August. Diesem.
      So schön 🙂

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