Leben

Abends um 10

Abends um zehn. Noch ist es hell genug, um alles klar sehen zu können. Man braucht noch keine elektrisches Licht.
Ich habe mir angewöhnt, die letzte Runde mit dem Wolf durch das Dorf zu machen, bevor ich den Weg zwischen die Wiese nehme. Dort muss ich den Kühen Gute Nacht sagen, und den beiden verliebten Esel, die dort auf der Weide stehen.
(Schlafen Esel im Stehen ? Weisst du das ?)

Die alte Witwe, die mit dem schön gepflegten Garten, die so gebückt geht wie das Ende ihrer Harke, die sie stets mit sich herum trägt. Die jedes winzige Unkraut sofort ausreisst, bevor es spriesst, die den Platz vor dem Haus täglich sauber wischt, egal bei welchem Wetter. Die Frau schläft dann schon. Um zehn. Oder sie tut so, hinter den geschlossenen Fensterläden. Sie steht früh auf, ohne dass sie einen Wecker braucht. Das Leben weckt sie.

Beim neu gebauten Haus oben an der Strasse sind Leute eingezogen. Obwohl es den Anschein macht, als wäre es noch nicht wirklich bewohnbar. Sie ist eine Schöne, eine Blonde mit langen Haaren und engen Jeans. Gelegentlich steht sie draussen und raucht, während sie jemandem im Inneren Anweisungen gibt: Mach die Küchentüre zu ! Fernseher leiser ! Bring den Kompost raus ! Holst du mir noch….! Sie braucht jeden Abend so viele Ausrufezeichen, dass sie ihr vermutlich bald ausgehen. Ich mag ihre autoritäre Stimme nicht und wechsle die Strassenseite, damit sie mich nicht grüsst. Guten Abend !!!

Das nächste Haus.Die Vorhänge bewegen sich, man kann das sehen, obwohl man sich Mühe gibt, dass man es nicht sieht: Die Hand hält verräterisch den Tüll etwas zur Seite. Ich werde beobachtet. Jeden Abend. Die Rolle ist hier umgekehrt. Man sieht draussen einen schwarzweissen, jungen Hund der von hier nach da an der Leine zieht. Eine Frau, nicht mehr jung aber auch nicht alt, die immer wieder stehen bleibt. (Hundeerziehung. Leinenführigkeit üben).Sie ist meist heftig zerzaust, weil gedanklich schon im Bett, spricht mit leiser Stimme. Lacht und streichelt den Wolf. Schaut sich um, immer, als wäre sie neu hier. Ist das nicht die Frau, die da in dem alten Haus gegenüber vom kleinen Laden wohnt ? Das oft für einen Kindergarten gehalten wird, weil es so bunt dekoriert ist ? Hat die jetzt einen Hund ?

Er küsst ihren Nacken, während sie kichernd Teller in den Schrank in der Küche einräumt. Manchmal dreht sie sich dabei um und schlingt ihre Arme um ihn. Dann küssen sie sich so, dass ich draussen seufze. Leise, damit ich sie nicht störe, obschon ich weiss, dass sie sich in dem Augenblick von nichts stören lassen würden. Sie streicht zärtlich über seine dunklen Haare. Ich seufze nochmals und streiche über das weiche Fell des Wolfs.
Ich habe sie auch schon tanzen gesehen, alleine. Vielleicht sass er in einem Winkel, den ich nicht sehen konnte und beobachtete sie dabei. Oder sie sitzen am Tisch.Sie liest in einem Buch, während sein Gesicht bläulich leuchtet vom Reflex des hellen Bildschirms am Computers. 

Die Frau, der das schöne B&B gehört, sitzt häufig am Fenster mit einer Staffelei und malt.Hier biege ich ab und spaziere zu den Eseln, den Kühen und dem dunkler werdenden Abendhimmel. 13 Millionen Menschen lieben sich jetzt zu diesem Zeitpunkt weltweit. Habe ich irgendwo mal gelesen. Und ich rechne ein bisschen und frage mich, wie viele das in genau diesem Moment in diesem kleinen Dorf sind.

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3 Gedanken zu “Abends um 10

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