Schreiben

Regentanz

Es war in Italien und es war Sommer.

Zumindest war es das warme Ende eines Sommers, den sie auf ihre Art verlängerten, indem sie in ihren klapprigen Opel stiegen und gemeinsam in den Süden fuhren. Sie liebten sich, das war klar, auf die intensive und verklärte Art und Weise von Menschen, die an die Fügung des Schicksals glauben. An Vorsehung und an die Verwandschaft zweier Seelen, die, wie Platons Gleichnis es vorschlug, als kugelige Wesen durch Zeit und Raum irren, um sich schliesslich zu vereinigen, um ein grosses, gemeinsames Ganzes zu bilden.
Sie fandenim Süden ein winziges Häuschen, mieteten es für ein paar Wochen und richteten sich dort gemütlich ein. Verwandelten den Tag in die Nacht und diesen wieder zurück in den Tag, indem sie schliefen, liebten, assen, lasen und im kleinen Städtchen herum bummelten, wie es ihnen gefiel.
Es war heiss in diesem Spätsommer, der im Grunde ein Hochsommer war. Man sprach davon, dass die Landwirtschaft darunter litt, dass die Kulturen von der Trockenheit kaputt gingen und der Wein, um der Götter willen: Der Wein!, bestimmt deswegen eine Tortur und Qualen durchmachte, das es die Qualität des Weins am Ende minderte.

Ihnen war das egal: Sie trennten am Morgen ungern ihre Körper aus der Umarmung des anderen, erfanden neue Koseweorte füreinander und er liebte ihre impulsive, temperamentvolle und offene Art, empfand sie als sehr wohltuend und dynamisch.Später würde er ihr vorwerfen, dass sie flatterhaft und oberflächlich sei. Sie hingegen mochte seine zentrierte Ruhe, die intelligente Nachdenklichkeit seines Wesens.Später würde sie im vorwerfen, dass er lethargisch sein, langweilig und öde. Aber noch waren sie nicht in dieser Phase, im Gegenteil: Es regnete, endlich und wohltuend floss das Wasser aus rainden frisch gebildeten Wolken und überflutetet systematisch Keller, Abflüsse und Strassen. Floss über Plätze und Felder. Wusch Dächer und Autos vom Staub vergangener Wochen sauber. Reinigte die Felder, Bäume, die ganze Ebene.

Sie wurden vom Regen überrascht, als sie vor dem kleinen Steinhäuschen zusammen assen. (Wein. Tomaten. Brot. Oliven und eine scharfe Salami.) Liesen zu, dass alles nass wurde und gingen zu dem kleinen Vorplatz aus Steinplatten, um genüsslich ihre sonnengebräunten Gesichter in den prasselnden Regen zu halten. Dann zog sie ihr Kleid aus, ihr Unterwäsche und sie drehte sich so im Regen, als tanze sie. Nackt. Selbstvergessen. Hielt ihre Haut genüsslich als Schwelgerei, als pures Luxusgelage, in den frischen Regen.
Er liess zu, dass sich dieses Bild von der tanzenden Frau sich in seine Netzhaut brannte: Für immer und ewig. Wie die Liebe zu ihr, die ein paar Jahre später enden würde, davon waren sie aber noch weit weg.

Später würde er sich an Italien erinnern, an einen sintflutartigen Regen, an eine nackte Frau im Regen und an eine kitschig unbeschwerte Zeit, wenn der Regen im Sommer unwillkürlich aus dem Himmel brach. Zuweilen würde er, in den ersten Jahren nach ihrer Trennung, nach weinseligen Abenden in irgendeiner verrauchten Bar, nachts sie anrufen und auf ihren Anrufbeantworter reden. Wobei er mit schwerer Zunge diese Frau wieder herauf beschwor, die sie nicht mehr war. Nicht für ihn.
Ihr ging es ähnlich. Grad heute, als es endlich regnete. Aber das würde sie niemals zugeben.

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5 Gedanken zu “Regentanz

    • Grosse Leidenschaften dürfen nie und niemals für immer sein. Dann sind es nämlich gewöhnlich Liebesgeschichten. Solche, die abends müde darum streiten, wer hätte Brot besorgen sollen und wer den Abfall runter trägt.

      Darum sind Leidenschaften oft wild und heftig und zeitlich beschränkt. 🙂

  1. der Post ist zwar schon eine Weile her… dennoch: das Foto, Regen und Veranda, me donne des frissons macht mir Gänsehaut. Hier gibts viel für mich zu lesen.

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