Schreiben

Der Mann, der zweimal sein Auge verlor

Gestern im Park.
Er fragte: „Hesch mer en Stutz ?“
Nein.Lauf einfach weiter. Frag jemand anderes. Oder doch, ja. Hier hast du Münz, lauf einfach weiter. Ja ?
Er setzt sich neben mich. Gross, dünn, in sauberen Jeans und einem Verband am linken Auge. Die Menschen umfliessen uns, wir sind unsichtbar. Bettelnde Menschen sind nicht gerne gesehen.

Ich habe einen Stapel Bücher auf meinen Knien, das erste Buch liegt aufgeschlagen da, ich hatte darin geblättert, bis er mich ansprach. Ich habe sie vor der Bücherei gekauft, sie stellen gelegentlich Tische auf mit ausgeschiedenen Büchern, die für einen Stutz zu kaufen sind.
Auf dem Buch ganz oben sind Schmetterlinge abgebildet:
„Mögen Sie Schmetterlinge ?“ Fragt er schüchtern. In seiner Hand klimpern die Münzen, die er bisher gesammelt hat. Ich nicke.
„Ich auch.“ Sagte er und:“Früher habe ich viel gelesen, wissen Sie.Heute nicht mehr.“

Wir reden ein bisschen. Unverbindlich. Über Bücher, die kleine Stadt und das Wetter.
Ich frage ihn, der etwa in meinem Alter ist und früher, als er noch ein anderes Leben führte, mit Sicherheit ein attraktiver Mann war: murmel
„Was ist mit deinem Auge ?“
Er erzählt, dass es ihm runter gefallen ist, auf harten Asphalt. Es war schon alt und zerbrach ein bisschen. Jetzt habe er eben momentan nur noch eines.
Das sei nicht weiter schlimm, es sähe höchstens ein bisschen eigenartig aus, so mit dem Verband.
Sein erstes Auge, das richtige, habe er verloren, weil er an einer chronischen Infektion litt, damals, als er noch auf der Strasse lebte. Dann habe er das Glasauge bekommen. Jetzt habe er ein neues beantragt, es sei ihm bewilligt worden. Aber es dauere noch ein bisschen.

Ich stelle mir eine blitzende, marmorierte Murmel vor die über den Asphalt rollt. Und dabei zerbricht. Genauso wie sein Leben zerbrach, als er zu schnell in die Kurve seiner Biografie glitt. Damals. Seine Geschichte ist eine spannende, ich höre inzwischen konzentriert zu. Die Sonne brennt, der Schatten des Baumes ist weg, meine Bücher liegen geschlossen auf meinem Knie. Eigentlich wollte ich etwas lesen, während ich auf den Lieblingsmann warte, der gerade um die Ecke biegt.

Ich frage:“Wie heisst du?“
Er sagt:“Paul. Und du ?“
Ich sage: „Lila.“
Dann reiche ich ihm meine Hand und verabschiede mich. Er steht höflich auf, nimmt meine Hand und ich kann sein Lächeln sehen, das sich jetzt über sein ganzes Gesicht ausbreitet :“Danke“.

Bitte. Denke ich. Sehr gern geschehen.

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5 Gedanken zu “Der Mann, der zweimal sein Auge verlor

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