Schreiben

Er

Er ist schuld an meiner langen Absenz hier. Er, der mir so viel gezeigt hat in den letzten Wochen. Dinge, die ich sehen wollte, wie Eichhörnchen, hüpfende Blätter oder im Holz eingerollte, schlafende Katzen. 
Er zeigte mir auch Dinge, die ich weder sehen, noch berühren wollte und es trotzdem tun musste: Vertrocknete Frösche, halbverweste Mäuse und tote Vögel. 

Er kennt kein ungenaues vielleicht. Kein tröstendes später. Er kennt nur das Jetzt und die konsequente, unbändige Freunde, wenn ich zur Türe herein komme. Er beobachtet mein Tun, manchmal kopiert er es und versucht, das gleiche zu machen wie ich. Zum Beispiel wenn ich im Garten Blumen einpflanze, kann es sein, dass er sie später ausbuddelt. 
Egal zu welcher Zeit ich ins Bett gehe, er tut es auch und rollt sich auf seinem Flickenteppich ein und schläft. Sobald ich erwache, ist er auch wieder wach. 

Wir sind oft unterwegs zusammen. Streifen durch den Wald, sammeln Tannenzapfen, Eicheln oder Moos um daraus Kränze zu basteln. Rennen den Feldweg hinauf und kommen oben, ich, atemlos an. Beobachten den Baum auf dem Hügel, der mit den richtig altmodisch roten Äpfeln, und gehen erst weiter, wenn wir einen Apfel fallen sahen. Der mit einem dumpfen plopp auf der nebelfeuchten Wiese landete. 

Ich kenne seine Marotten, er meine. Er mag mich, versteht aber nicht, dass ich mein Futter nicht mit ihm teile oder eben späterspäter flüstere, wenn ich meine Zeitung zu Ende lesen will, die Mails noch fertig schreiben oder den Film zu Ende sehen muss. Und er hat gemerkt, dass ich im Bad länger brauche, wenn er nicht mit gehen darf. (Lippenstift und Mascara machen auf unseren Spaziergängen keinen Sinn.) 
Ich kenne seine Angst vor dem lauten Brüllen des Staubsauger, das Spiel, wenn er nicht ins Auto steigen will oder seine Liebe zu Socken, die er klaut, wann immer er kann. Absurderweise sind es die sauberen Socken, die ihn anziehen. 

Es ist, so spüre ich jetzt im Schreiben dieses Textes, eine besondere Form der Liebe. Ich könnte nicht mehr ohne ihn sein. Keine Nanosekunde. 
Er rechtfertigt die Absenz hier und gibt ihr einen bunten Sinn, der nach Wind riecht, nach frisch gepflügten Feldern und dem Spass, gemeinsam um die Wette zu rennen. 

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