Schreiben

Schokokuss

Er stand rechts von mir: Gross, dunkle Haare und durchaus attraktiv. Wir teilten uns heute ein Regal mit Büchern in einem Buchantiquariat. Wir stöberten herum, in dem wir Bücher prüfend in die Hand nahmen, darin blätterten, sie zurück schoben zu den anderen, wenn sie nicht unserer Erwartungen entsprachen. Unsere Bewegungen waren fast synchron, jeder sorgfältig bedacht, den anderen nicht zu berühren mit den Händen. 
Es war still, wir waren dir einzigen in dem Raum. Man konnte den Staub riechen, den muffigen Geruch alter Bücher, die lange ein tristes Dasein in einem feuchten Keller fristeten. Gelegentlich hörte ich einen Hund bellen. Mehr nicht. 

Ich hatte mich gerade an die zurückhaltende Anwesenheit des Mannes gewöhnt, als unsere Blicke einander streiften. Ich lächelte, waren wir nicht einander ähnliche Bücherseelen in diesem einsamen Universums der geschriebenen Worte ? Also war Lächeln das mindeste an Höflichkeit, fand ich.
Er hielt ein aufgeschlagenes Buch in den Händen und schaute mich verdutzt an. So von der Seite her, wie jemanden, dem man nicht ganz traut. Ich zögerte, dann sah ich entsetzt, wie die Zunge des Mannes sich über seine Oberlippe schob. Vulgär von einer Seite zur anderen. Langsam und mit einem, so sah es aus, Zwinkern in den Augen. Diese Obszönität widersprach dem sympatischen Eindruck, den ich von ihm hatte. Ich schluckte eine verbale Antwort und genauso frivole Geste, die ich gerne in seine Richtung gemacht hätte, und ging entschlossenen Schrittes zur Kasse. Die weit weg genug von dem Kerl weg war. Primat, dachte ich, elender. 

Ich zahlte. Und spürte unvermittelt etwas wie aufgeblähter Stolz in mir schwellen. Schliesslich war der Mann doch halb so alt wie ich. Und so schlecht sah ich also, trotz ungewaschener und zusammengebundener Haare, nicht aus, dass nicht ein Mann wie er…Naja….Ein gewisses, wenn auch ausschliesslich sexuelles, Interesse an mir haben kann. 

Im Auto konnte ich mich kurz im Rückspiegel sehen. Etwas weisses klebte an meiner Oberlippe wie ein zuckriges Geschwür. Ich wischte es mit den Fingern weg. Und die Geste des Mannes verlor plötzlich an triebhaft erotischer Anziehung. 
Und ich erinnerte mich an den Mohrenkopf, den ich vor über zwei Stunden gegessen habe. 

Die entsprechende Fürsorge des Mannes hätte ich anschliessend doch gerne gegen das sinnliche Begehren getauscht: Ich fuhr heim, wusch meine Haare und schämte mich ein bisschen für mein übersteigertes Verhalten. 

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6 Gedanken zu “Schokokuss

  1. Iwi schreibt:

    Ab jetzt sollen Sie, Madame, immer mit einem Mohrenkopf in dieses Antiquariat gehen um ein spontanes Entschädigungsgeschenk dabei zu haben, falls der Herr wieder mal mit Ihnen stöbert :I

  2. Danke für eure Kommentare, ihr Lieben :-).

    Lieber Iwi….Ich trage selbstverständlich seither stets einen Mohrenkopf in meiner Tasche. Inzwischen ist er mit Sicherheit zerlumpt, klebrig und flach geworden.
    🙂

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