Schreiben

Die Cocotte meiner Oma

Sie war rot, dick, schwer und für mich der Inbegriff von purer Hässlichkeit: Die Cocotte meiner Oma. 
Natürlich liebte sie diese innig, mit der wohl eher praktischen Zuneigung, die man zweckmässigen Gegenständen zukommen lässt. Man kann wohl einen Staubsauger lieben, einen Toaster oder einen Besen. Warum also nicht eine Pfanne. 
Oh. Hier tappe ich schon in die altbekannte Falle: Ihre Cocotte war nicht gleichzusetzen mit einer gebräuchlichen, mittelmässigen Pfanne. Sie war viel mehr. 

Eine dickwandige, schwere Gusseisenpfanne eben, die ich als Kind nicht mal vom Herd bewegen konnte, so schwer war sie. 
Oma briet darin Fleisch, Gemüse und liess es lange auf dem Herd vor sich hin köcheln. Ich erinnere mich an ihr coq au vin, in das sie nur wenig Wein goss, weil sie nicht wollte, dass ich vom Essen dieser Mahlzeit betrunken wurde. 
(Ich glaubte noch lange, dass ich vom Fondue einen Schwips bekomme. Oma log nie. Oder nur ein bisschen.) 

Tata, die in Frankreich lebte, hatte eine grüne Cocotte. Ihre Küche war gross, ihr Haus immer kalt, weil es durch das alte Gemäuer zog. In der Küche aber war es warm. Es war die Zeit, in der Joe Dassins Champs élysées im Radio rauf und runter gespielt wurde. Ich sang diesen Song damals und kann diesen Text noch immer auswenig. 
Ich schweife ab. 
In Tatas Cocotte brieten an einem dieser Tage bei ihr diese eigenartigen Fleischstücke, die so köstlich rochen und mich an Frauenbeine erinnerten. „Das sind Froschschenkel, ma pousse. “ Sagte sie und schickte mich aus der Küche, weil ich im Weg war. 

Die Beine eines Frosches ? Warum briet man die Beine einer Kröte ? Sowas ass man doch nicht, oder?

Ich weigerte mich an diesem Abend zu essen. Tata war böse dewegen. Unartig sei ich. Undankbar auch: Man ass, was auf dem Tisch stand.Kriegsgeneration eben. Sie, ich nicht. Ich schwieg. Lange. (Ich konnte das sehr gut: Trotzig in meine eigene Welt fliegen und anderen dadurch meine volle Missachtung präsentieren.) Die Cocotte hatte fortan etwas von ihrem Zauber verloren. 

Seit einer Weile, inzwischen Vegetarierin aus Überzeugung, war ich auf der Suche nach einer Cocotte, die bezahlbar war und eine Geschichte in sich trägt. Heute auf dem Flohmarkt wurde ich fündig. 
Seit heute bin ich auch Besitzerin einer roten Cocotte, die ich wie einen Schatz heim trug, auswusch und auf die Kochstelle platzierte. Anschliessend machte ich ein Feuer im Herd, wie es bei Tata üblich war, und schmorte mein Gemüse in der Pfanne, die niemals Pfanne genannt werden darf. 

Und ich erinnerte mich an alles. So sehr, dass ich den Geruch der Froschschenkel in der Nase hatte, das pot au feu meiner Oma und ihr coque au vin. Und ich sang, leise, weil ich keine schöne Singstimme habe. Aber ich schwöre: Ich kann den ganzen Text noch auswenig. 

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9 Gedanken zu “Die Cocotte meiner Oma

  1. oh, dieser ohrwurm … hach … ich habe ihn geliebt …
    ist der wirklich schon sooo alt … oder bin ich es? 😉
    wir haben diesen topf tüpfi genannt – unserer war orange … da wo noch farbe dran war … und ja, hässlich, wenn ich es mir recht überlege …

    ein schöner text!

    • Auf eine Cocotte hast du ein Leben lang garantie…Sollte unsere (meine) Cocotte mal auseinander brechen, sind wir alt.
      Vorher nicht :.)

      Gäll der Song hat was….

      LG.

      D

    • Kasserolle.
      Ich kenne den Begriff nur aus Büchern….Hier in der CH nennt man alles, was auf den Herd passt, Pfanne.

      Hmmm. Ich frage mich gerade, woher der Name Kasserolle kommt. Weisst du es ?

      • Eigentlich ist die Kasserolle ein großer Topf mit Stiel, aber unsere ist eher ein ovaler Brattopf mit gleich hohem Deckel. Und schwarz. Die Kasserolle war im Besitz der Lausitzer Oma, die aus einem winzigen Dorf stammt, das halb vom Braunkohle-Tagebau abgebaggert wurde. Also eine ganz andere Geschichte…

  2. Iwi schreibt:

    Ich hab das Lied gleich laufen lassen, bevor ich weiterlas. Schön wars 🙂
    Und ich habe auch noch nie in meinem Leben Froschschenkel gegessen…

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