Schreiben

Die Frau oder die Kunst, nichts zu tun

Ich sehe sie gelegentlich in dem Café in der Kleinstadt, das mit den schönen Sesseln, in die man gerne versinkt und gar nicht mehr aufstehen möchte. Das mit dem schönen Lüster aus Kristall. Ja, das mit dem Namen eines vielzitierten Mathematikers.
E=mc2, ja der.

Sie sitzt immer mit dem Rücken zum Fenster und trinkt Espresso. Und tut das mit einer zufriedenen Ruhe, die gewissen Menschen eigen ist, die sehr alt sind und wissen, dass das Leben endlich ist. Die sich damit abgefunden haben.
Nein nein, sie ist nicht alt. Keineswegs. Vielleicht um dir dreissig, mehr nicht. Ich wollte nur den Vergleich herstellen.

Ihre Haare hat sie zu einem Knoten geschlungen. Eine Haarsträhne löst sich immer und wird von ihr mit dieser langsamen Geste hinter das Ohr gestrichen, als geschehe es nebenbei. Mit ihren grossen, dunklen Augen schweift sie gelegentlich im Raum umher, als prüfe sie die Tauglichkeit eines Produkts, das sie kaufen will. Wenn sie etwas fixiert, kneift sie leicht die Augen zusammen.
Ob sie kurzsichtig ist und zu eitel für eine Brille ? Kann sein. Ich weiss es nicht.

Sie hat diese knallroten Lippen, die ich auch manchmal gerne hätte. Mir gelingt es jedoch nie, dabei so gut auszusehen: Ich bekomme den Schwung mit dem Lippenstift ja nie hin. Ich sehe dabei immer verschmiert aus. Als hätte ich Erdbeerkonfitüre gegessen und mir den Mund nicht abgewischt. Darum lasse ich es.

Während die Menschen um sie herum damit beschäftigt sind, miteinander zu reden, Termine in ihr Handy einzutragen, sms zu schreiben oder die Zeitung lesen, tut sie nichts. Sie sitzt nur da und strahlt diese zentrierte Ruhe aus, die beinahe langweilig ist. Sie liest nicht mal ein Buch.
Ich meine: Irgendwie ist das doch auffällig, findest du nicht ? Einfach so da sitzen und wirklich nichts zu tun. Und dabei diese Würde auszustrahlen, als wäre man nicht alleine, weisst du ? Weil man einfach da sitzt, auf niemanden wartet und nur gelegentlich den Blick durch den Raum schweifen lässt.

In der Schweiz tut man das nicht. Man ist doch immer mit irgendwas beschäftigt. Oder überbrückt eine leere Zeit zwischen zwei Terminen in einem Café. Oder man trifft sich, du weisst schon. Und, um nicht aufzufallen, das will man auf keinen Fall, liest man wenigstens ein Buch. Da sind die Hände beschäftigt, nicht, wie bei ihr, einfach ruhig auf dem Tisch liegend.
Sie ist sonderbar.

Ich habe das kürzlich auch mal gemacht. Einfach so im Café gesessen, dem inneren Drang widerstehend, mir die Zeitung vom Nachbartisch zu schnappen oder die sms zu beantworten, für die ich bisher keine Zeit fand. Nach ein paar Minuten ertappte ich mich, wie ich anfing, Zuckerkristalle vom Tisch zu einem kleinen Berg zusammen zu wischen. Dann fand ich einen winzigen Fleck auf meiner Jeans, den ich weg zu kratzen versuchte. Anschliessend grub ich in den Tiefen meiner Tasche, fand einen Kaugummi und bastelte mit dem Papier eine Blume. (Weisst du noch ? Die haben wir doch früher immer hergestellt und sie gesammelt. )
Dann verliess ich das Café. Ich glaube, ich war etwa eine Viertelstunde dort.

Meinst du, ich sollte sie mal ansprechen und sie nach ihrem Geheimnis fragen ?
Nein, nicht nach dem Hersteller ihres Lippenstifts, der offenbar nie verschmiert, nein. Nach dem Mysterium ihres Daseins möchte ich sie fragen. Wie sie das schafft, so lange einfach so da zu sitzen und nichts zu tun.

Einfach nichts !

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19 Gedanken zu “Die Frau oder die Kunst, nichts zu tun

  1. Wenn du sie jemals fragen solltest, dann erzähl mir bitte unbedingt wie sie es macht! Das möchte ich auch!!!
    Aber es soll so Menschen geben, die mit sich im Reinen sind und deswegen einfach nichts-tun können. Beneidenswert!
    LG, Julie

  2. ich kann das auch nicht. manchmal versuche ich es beim zugfahren, aber dann fallen mir die augen zu.
    wenn du ihr gehemnis erfahren hast, bloggst du es hier?

    ach, dies noch: ein sehr schöner text!

    • Weisch…ich tröste mich mit den Gedanken, dass die Frau bestimmt totlangweilig ist, eine fiepige Stimme hat oder Warzen an Orten, von denen ich nichts wissen will :-).

      Ich teile mein Wissen um ihr Geheimnis. Ich schwör, liebe D.

      LG.

  3. Momotte23 schreibt:

    Toll geschrieben und tolle Eindrücke! Weiter so…
    Würde sie und vor allem ihren Ausdruck auch gern sehen. Ich trank neulich kurz vor Ladenschluss auch noch einen Espresso, ganz allein – weil ich einfach Lust drauf hatte. Es waren bis auf die Servicekräfte und mir niemand mehr im Coffeeshop (das heißt, halt! Ein junger Mann schrieb noch auf seinem Notebook, verschwand dann aber). Nur ein paar Minuten das Treiben draußen (es war schon dunkel) zu sehen – die Tasse Espresso, seinen Geschmack fühlen… das ist für mich: den Moment genießen. Versuch`s weiter und schreibe darüber wie heute, das klingt sehr gut, aufrichtig und frisch! Wie ein Espresso 😉

    • Momotte.
      Bist du Mann oder Frau ? Vielleicht warst du es ja, wenn du, wie vermutet, weiblich bist. Im Einstein, den Moment so geniessend, dass ich neidisch wurde.

      Das Leben im Moment, im Hier und im Jetzt. Den Kopf zur Ruhe bringen und aufgehen im Genuss….Eines Espresso oder was auch immer: Wundervoll.

      LG.

      D.

      • Momotte23 schreibt:

        …eine weibliche Sie, welche mal kurz bei dieser großen kaffee-Kette mit dem Sternenmaedchen reinschaute, nein, die Artikelheldin kann ich nicht gewesen sen 😉
        LG

        • Kaffeekette ?
          Ist das so ? Nun, bedauerlich ist es trotzdem. Dass Frau/Herr Momotte nicht die ProtagonistIn der Geschichte ist.

          Dann wäre es einfacher, nach dem Geheimnis zu fragen :-).

          Schönen Tag dir.

    • Madame….(Werde ich sagen, wenn ich neben ihr stehe)…Darf ich sie bitten, mir ihr Geheimnis an zu vertrauen ? Das Rätsel ihrer Ruhe und Ausgeglichenheit,s’il vous plaît.
      Dankeschön.

      Natürlich teile ich diese Info dann mit euch.

      🙂

    • Unbedingt. Madame Contraire.
      Entgegen des deutschen Usus werden in Frankreich noch heute Frauen, deren Namen man nicht kennt, einfach als Madame angesprochen.
      Würde mich hier jemand mit „Hören Sie, Frau !“ anreden, klänge das in meinen Ohren absurd.

      Die Welt braucht mehr Mme. 🙂

      • Ganz Ihrer Meinung, Madame! Die „Gnädige Frau“ entbehrt im Deutschen leider nicht einer gewissen Häme … Insofern: d’accord! Die Welt braucht mehr Madame, und Mademoiselle (Gruß an dieser Stelle an Momotte)

  4. Wie schöööön du schreibst! Wäre ich jetzt in einer Buchhandlung gewesen und hätte ein mir unbekanntes Buch aufgeschlagen und deinen Text auf den ersten zwei gelesen, das Buch hätte ich gekauft. Witzig unterhaltsam, ich habe gut geschmunzelt, Mme Lila – herzlichen Dank dafür! 🙂
    Dina

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