Schreiben

Von fliegenden Händen

Ich mag Gesten.

Ich mag es, Worte zu unterstreichen mit den Händen, als wische man unter den Worten etwas weg. Ihnen mehr Bedeutung zu verleihen oder ihnen mehr Tiefe zu geben. Mit einem einzigen Finger, hoch aufgereckt, die Arroganz eines einzigen Wortes klar zu machen: So ist es. Punkt.
Und ich mag es, wenn ich Menschen beobachten kann, die so vertieft in etwas sind, dass sie alles um sie herum vergessen. Und dabei Gesten offenbaren, kleine, winzige Regungen, die mehr über ihn aussagen, als vermutlich erwünscht. Die Frau in dem Cafe neulich, ich schrieb bereits darüber, die so versunken und zärtlich immer wieder die Locke aus ihrem Gesicht schob, sie in ihr Gesicht fiel.
Oder der kleine Junge im Park, der so kaum laufen konnte, aber in seinem Drang nach Freiheit rüber zu den Enten rannte. Um dort mit unkoordinierten Fingern kleine Brotstücke mit zwei Fingern aufklaubte. Um sie sich in den Mund zu stecken.
(Mama sah es, zeterte und riss ihn weg)
Der Mann, der seiner Freundin etwas im Gesicht weg wischte, das nur er sah: Zärtlich und fürsorglich. Wortlose Gestik einer Zuneigung, die mich berührt und mich schüchtern weg sehen lässt. Gewisse Gesten sind nicht für andere bestimmt.

Oder die Kollegin aus dem Süden, die immer mit weit ausgebreiteten Armen auf mich zu kommt, wenn sie mich sieht: „hola guapa, que tal ?“ „Muy bien y tu ?“ Viel weiter reicht mein Spanisch nicht. Sie weiss das und hilft mit den Händen mit, wirbelt die Fäuste durch die Luft, fliegt mit ihnen über den Schwall ihrer Worte und lässt sie am Ende irgendwo auf mir liegen. Den Schultern oder den Armen oder sie fügt ihre Hände in meine. Ich verstehe nicht alles, was sie sagt. Aber mir gefällt, was sie nicht sagt, sondern mir zeigt: Eine Tänzerin ist sie. Die Musik dazu sind ihre Worte. Ein Staccato der Buchstaben.

Früher sagte man mir, ich solle meine Hände mehr im Zaum halten und nicht so nervös herum fuchteln. Eine Weile passte ich mich an. Es fiel mir unglaublich schwer, meine Hände im Gefängnis der Hosentaschen zur Langweile zu quälen oder sie hinter dem Rücken fest zu halten: Eine Hand umschloss die andere, damit keine weg flog und sich bemerkbar machte. Ich hatte das Gefühl, mir wäre etwas weggenommen worden. Etwas furchbar wichtiges, das zu meinen Worten gehörte wie der kleine Radiergummi am Ende des Bleistift, ich weiss nicht, ob es die heute noch gibt, oder das Rad zum Fahrrad: Das eine geht ohne das andere nicht.
Ich fing wieder an herum zu furchteln, liess meine Hände wieder durch die Luft fliegen, die Worte unterstreichen, Bilder in die Luft zeichnen und ich lies sie schnippen, wenn mir danach war. Hüpfen. Tanzen. Sich zur Faust ballen oder sie einfach konzentriert zueinander fügen und am Ende vor mein Gesicht, als würde ich beten. Ich liess sie mein Herz berühren, wenn mir danach war oder liess sie winken wie eine Windmühle, wenn ich mich von jemandem verabschiedete.

Menschen, die sich so unter Kontrolle haben, dass sie kaum Gestik oder Mimik brauchen, sind mir suspekt. Sie machen mich argwöhnisch. Und ich frage mich gelegentlich, ob ihnen früher auch gesagt wurde, dass sie weniger herum fuchteln sollen mit den Händen.

Vielleicht sollte ihnen jemand die Hände befreien, sie wieder fliegen lassen.

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5 Gedanken zu “Von fliegenden Händen

  1. Ganz wunderbarer Text. Ich hab erst dich, dann irgendwann mich selbst mit meiner wilden Gestik gesehen .. Sich selbst beherrschen zu können, ist sicher eine gute Fähigkeit. Es aber nicht mehr lassen zu können, weil man sich in Freiheit falsch fühlt, das ist bedauerlich.

  2. eni schreibt:

    deine worte…ich hab gänsehaut.
    ja lasst die hände wieder fliegen und tanzen.
    wie wunderbar.
    ich mag das auch. sehr.
    als wenn der ganze mensch versucht worte zu formen!
    hab dank für diesen text am abend.

    liebgruss
    eni

  3. Mir sind Leute, die sich fast nicht bewegen beim reden auch suspekt. Besonders suspekt sind mir solche, die nie laut werden. Und ich meine jetzt nicht laut im Sinne von wütend – sondern laut im Sinne von „mitgerissen von dem, was sie sagen wollen“.

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