Fühlen

Liebe. Noch immer.

Das kleine Mädchen trägt einen kurzen Rock, blau mit einem roten Muster, und hat lange, blonde Haare. Die Sommersonne lässt es glänzen. Das Mädchen blinzelt mit einem Auge, vermutlich der Sonne wegen, und es lächelt in die Kamera. An den Füssen trägt es Sandalen: Glänzende, weisse Sandalen die damals Mode waren.
Sie steht auf einem Platz, hinter ihr laufen Menschen vorbei, Paare die sich an den Händen halten und Einkaufstaschen von corte ingles baumeln an ihren Armen. Niemand scheint sie zu beachten.
Ihr rechter Arm ist nach rechts ausgestreckt, die Hand nach oben geöffnet. Erst bei zweiten oder dritten betrachten des Fotos sieht man das helle Leuchten, das von der Hand aus geht. Wenn man dann die Augen zusammen kneift erkennt man ein weisses Flügelpaar, das sich von dort dem Himmel entgegen streckt.
Die Qualität des Fotos ist nicht besonders gut, ich bin mir aber sicher, dass auf dieser Hand eine Taube gewesen ist. Die sich just in dem Augenblick erhob und so diesen verwischten, hellen Federfleck hinterliess, als sie weg flog.

Ich kann dieses enttäuschte hoppla meines Grossvaters hören, als er auf den Auslöser der Kamera drückte und fest stellte, dass das schöne Motiv, Mädchen mit Taube, etwas die Wirkung verlor. Mädchen ohne Taube jetzt.

Später werden sie hoch zum Tibidabo fahren, mit der alten, blauen Bimmelbahn. Ein paar Spanier werden ihr über die hellen Haare streichen und dabei lächeln: Das war immer so. Sie sagten: que guapa eres nina. (Lange glaubte sie, dass ihr Name auf spanisch Nina war. Lila = Nina.) Und gaben ihr Bonbons.
Damals war das okay. sich über die Haare streichen lassen und Zuckerdrops von Fremden annehmen. Wenn Opa oder Oma dabei war, war es okay.

Barcelona gehörte zu ihrem Sommer. Bis sie sechzehn war. Dann besuchte sie diese Stadt nur noch sporadisch.
Barcelona ist wie eine erste, nie vergessene Liebe: Wie ein schüchterner Kuss, dessen Abdruck sich lange auf die Lippen brennt. Wie der erste Liebhaber, der vielleicht nicht der Beste war, aber unvergesslich bleibt. Barcelona ist wie Paris, nur viel schöner ! Wird sie sagen, wenn sie jemand danach fragt.

Und wie es mit der ersten Liebe eben ist: Sie bleibt in einem stillen Winkel im Herzen kleben.Jahrelang.Manchmal genügt ein Atemzug, wenn man sich wieder trifft, um fest zu stellen: Man liebt noch immer. Mit der gleichen Intensität wie früher.

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3 Gedanken zu “Liebe. Noch immer.

  1. muchachanine schreibt:

    Schön.
    Netten Samstag,
    auch ohne Taube – ach, wie ich sie gern hab, besonders die weißen, die ich in Córdoba sah!
    La Muchacha Nine

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