Schreiben

Von Macht und der Liebe

Da ist dieser Mann. Er hat weisse Haare, trägt sie stets sehr kurz geschnitten. Früher hatte er einen akademischen Beruf.
Er ist nicht von hier, ursprünglich. Das hört man, wenn er spricht und das sieht man: Eine Splitterbombe hat seine Schulter zerfetzt. Zurück blieben Narben, die seine Haut wellig machen. Ein bisschen sieht die Schulter wie die Oberfläche des Meeres aus, bei einem Sturm. Das war im Krieg, sagt er. Damit meint er einen Krieg, der lange zurück ist. Keiner von denen, die die Welt aktuell erschüttert und mich grausen lassen, ob der Gräueltaten und der Unmenschlichkeit.
(Das ist beinahe ein Hohn. Ein Krieg ist niemals menschlich. Nie.)
Er ist seltsam, zuweilen. Gerne für sich. Hört Musik, die ich nicht verstehe, weil sie so viel Dramatik drin hat.Meine Musik ist anders. Oder er denkt nach. Still.
Manchmal frage ich ihn, wie es war damals. Während des Studiums. Was sie gedacht haben und warum sich niemand gegen die Macht gewehrt hat, die sich aufblähte und am Ende so viel Schaden anrichtete. Die Studenten, die waren doch klug. Warum haben sie das dämonische Regiment nicht aufgehalten? Nicht mit Waffen, aber mit Worten. Klugen Worten. Wie konnte ein einzelner Mann soviel Macht besitzen und aus einer Demokratie eine Diktatur entwerfen ?

Ich höre zu, wenn er erzählt. Trotzdem verstehe ich nicht.

Kürzlich nahm er meine Hand, unvermittelt. Er sagte, dass er mir schon lange etwas sagen wollte:
-Ich liebe Sie.

Es sei ihm ein Bedürfnis, mir das zu übermitteln. Als er sah, dass ich zurückwich, einen Schritt nur, beeilte er mir zu sagen, dass dies mit keiner Erwartung an mich verbunden sei. Und mich das, bitteschön, im Geist weiterhin frei lasse.
Er hätte nie gedacht, dass er in seinem hohen Alter noch zu so intensiven Gefühlen fähig sei. Dies erfülle ihn mit grossem Stolz.

Liebe ist an kein Alter gebunden. Auch wenn wir das manchmal glauben wollen. Liebe ist an nichts geknüpft . Sie hat nichts mit Nutzen oder Kosten zu tun. Ist nicht erzwingbar.Sie ist nicht rational. Und sie ist die stärkste Form der menschlichen Hinwendung an einen Menschen.

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5 Gedanken zu “Von Macht und der Liebe

    • ….habe ich dänk schon so verstanden.
      Ja, es ist etwas besonderes. Was mich beruhigt ist, dass keine Erwartungen damit verbunden sind.
      DAS hätte mich in einen Rollenkonflikt gebracht.

  1. mickzwo schreibt:

    Es gibt so viele Formen von Liebe. Und ich glaube fest, es stimmt was Sie schreiben: „Liebe ist an kein Alter gebunden. Auch wenn wir das manchmal glauben wollen. Liebe ist an nichts geknüpft. Sie hat nichts mit Nutzen oder Kosten zu tun. Ist nicht erzwingbar. Sie ist nicht rational. Und sie ist die stärkste Form der menschlichen Hinwendung an einen Menschen.“
    Einen schönen Tag noch, mick.

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