Schreiben

Das Glück in der Milchschaumwolke

Da war diese Frau am Bahnhof heute. Sie sass draussen an einem dieser Bistrotische und rauchte eine Zigarette.
Vor ihr stand eine Tasse Kaffee, die ganz grosse. Sie war leer.
Sie machte einen etwas verwahrlosten Eindruck: Ihre Haare von dumpfer, tiefschwarzer Farbe. Dem grauen Ansatz nach zu urteilen, wäre eine neue Färbung längst fällig. Ihre nackten Füsse steckten in Ballerinas mit Leopardenprint. Sie trug mehrere Schichten Kleider übereinander. Schwarz und grau.

Sie war so damit beschäftigt, hektisch an ihrer Zigarette zu ziehen, dass ich sie eine Weile unbeschwert beobachten konnte. Darüber nachdenken, was ihre Ziele sind, was sie glücklich macht und was ihr passiert ist. Im Leben meine ich.
Neben ihr lag eine Tasche. Gefüllt mit Katzenfutter. Die billigen Büchsen, die es bei Aldi gibt.
Ihr Gesicht war von senkrechten Falten durchzogen, als hätte jemand auf der Landkarte wütend mit einem dunklen Stift ein paar Linien gemacht.

Nachdem sie ihre Zigarette ordentlich im Aschenbecher verdrückte, suchte sie den Löffel auf dem Tisch, den es zum Kaffee gab. Sie hob den Blick.Sah mich kurz uninteressiert an, ihr Blick glitt weiter über die eilende Menge der Fahrgäste. Schliesslich löffelte sie genussvoll den übriggebliebenen Schaum aus der Tasse, schob den Berg mit der weissen, fluffigen Wolke in den Mund. Schloss ihn. Leckte sich lächelnd die Lippen und förderte anschliessend wieder einen Löffel voll Schaum aus der Tasse.
Das ganze machte sie ein halbes Dutzend Mal. Verzückt. Genussvoll. Glücklich. Schliesslich schob sie die Tasse von sich weg. Liess sich im Stuhl entspannt nach hinten fallen und….  120e50595f1e31302fdf48b6c4f6df17

….zugegeben: Ich sehe nicht gut und ich trug meine Brille nicht, aber ich bin sicher, dass die dunklen Linien in ihrem Gesicht verschwanden. Wie ein Bild, das auf Photoshop bearbeitet wurde. Ihre Haare begannen zu leuchten. Ihre Kleider waren nichts anderes, als legerer Lagenlook und Menschen, die Katzen mögen, sind eh einfach schön.

So wie sie es in diesem Augenblick war. Glücklich schön.

PS. Meine Leser sind kluge Menschen. Das ist keine Vermutung. Sondern eine Tatsache.
Natürlich war die Tasse nicht leer… Da war noch Milchschaum darin, der sich am Boden und am Rand der Tasse gesammelt hat. (Zum Glück liest Monsieur Le Lektor nicht mit).
🙂

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3 Gedanken zu “Das Glück in der Milchschaumwolke

  1. Beim Lesen der Geschichte merkte ich an mir eine Veränderung. Erst las ich mit ernstem Gesicht, Oberkörper nach vorne gebeugt, gegen Ende des Textes erhellte und entspannte sich mein Gesicht, ich saß gerader und lächelte innerlich.
    Danke!
    LG, Reni

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