Schreiben

Hier und dort

Ich war heute Nachmittag in der Stadt.
Die Stadt ist nicht meine, ich habe sie erst vor vier Jahren in mein Leben geschlossen, als ich von der anderen Stadt hierher zog. Ich war heute nicht alleine: Mein Wolf war mit dabei. Während wie gemässigten Schrittes durch das alte Städtchen schlenderten, wurde mir bewusst, wie unterschiedlich wir alles wahr nehmen.
Während er an jeder erdenkliche Ecke ausgiebig schnüffelte, nutzte ich die Pausen, um die Welt um mich herum mir visuell ein zu verleiben .Zu geniessen.
Die Sonne schien, ihr Licht strömte durch die herbstlichen Blätter der Platanen. Der Boden war übersät mit einem Teppich aus braunem Laub. Die Schritte erzeugen dabei dieses Geräusch, das wohlige Knistern von Blättern, die ihre Arbeit einen Sommer lang gemacht haben und sich nun gemächlich zur Ruhe legen können. Allen Menschen schien dieses gelbe Licht auf dem Haupt zu leuchten, gab ihnen diesen goldenen Schimmer auf der Haut.
Früher fragte ich mich oft, wie das ist mit den Farben, wenn man älter wird. Verblassen sie, weil die Netzhaut alt wird, weil sie die Informationen nicht mehr so wahrnehmen kann? Oder bleibt das gleich? Ich grübelte auch darüber nach, ob alle die gleichen Farben sehen, wie ich: Siehst du gelb, das gelb der Blätter, wenn ich sie gelb sehe?
Oder siehst du sie blau, grün oder lila?
Und dann, wenn es denn so wäre, wie würden wir uns verstehen ? Wenn du vom blauen Licht sprichst, das durch die Platanen leuchtet, während ich weiss, dass die Farbe eine andere ist?

In der anderen Stadt gab es keine Platanen. Dafür einen See und viele Touristen. Die andere und ich sind Schwestern. Wir kennen uns so lange, dass wir einander nichts vormachen müssen. Ich weiss wo sie hässlich ist, wo sie leidet und wo sie ihre Wut heraus schreit. Die andere Seite. Und sie weiss es von mir. Bei ihr fühle ich mich sicher, nackt und sicher.
In der anderen Schwester suche ich noch, entdecke und filtere das Licht aus den Blätter. Bin noch genauso schüchtern wie sie. Dafür sind wie beide neugierig aufeinander, unvoreingenommen und freundlich.

Der einen Stadt fehlt eindeutig der See. Der anderen die Platanen. Dennoch sind sie verwandt. Nur wissen sie es nicht.

Lozärn, i vermisse di.

Standard

6 Gedanken zu “Hier und dort

  1. aber aarau ist eben schon auch schön … 🙂
    und schön ist auch dein text. die farbenfrage habe ich mir schon so oft auch gestellt. vor allem bezüglich rot-grün-farbenblinden …

    (irgendwie hat man eben eine definition mit sich ausgemacht und für jede wahrgenommene sache und farbe einen namen gefunden … vielleicht ist ja mein blau (also das, was ich rechts und links hier auf deinem blog sehe) für deine augen ein anderes. oder sogar eine ganz andere farbe als die, die ich sehe …)

    • Die emotionale Bindung zur Heimatstadt ist eine tiefe.
      Ach wenn es eine neue Liebe in deinem Leben gibt, vergisst du deine erste nie 🙂

      Blau bleibt Blau. Nur die Schattierungen sind anders. Ich nenne das Blau links und rechts …hmmm…Antikblau…habe ich jetzt eben erfunden:-)….werden wir in Streit geraten…weil du es metallisches cobaltblau nennst? …

      Ich hoffe doch nicht.*lach

      Herzlich:
      D.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s