Schreiben

Alles ist anders

Es ist dieser Herbst, der keiner ist, der mich verwirrt.
Gestern stand ich oben auf dem Hügel, das Dorf unten im Tal: Zerstreute Häuser, als hätte jemand bunte Legoteile hingeworfen. „Da,räumt selber auf.“ Die Sonne lässt das Laub der Bäume in allen Farben leuchten. Das Grün der Wiese ist neongrell, ich blinzle in die kleine, heimatliche Welt hinein. Überrascht von so viel Licht.
Der Wolf rennt glücklich über das Gras, sein langes Fell sieht dabei aus wie die Wellen eines Meeres. Vom Spiel mit dem Ball wird mir noch wärmer. Ich ziehe zuerst den Schal aus, dann die Jacke.
Letztes ist für den Winter in den Bergen geschaffen, für viel Schnee und Minustemperaturen. Weiss der Himmel, warum ich sie anzog für den Spaziergang. Vielleicht grundsätzlich, weil es beinahe Dezember ist ?
Ich rechne mit dem Aufdrehen der Heizung, mit kalten Füssen und kuschlig warmen Socken. Ziehe Nachmittage mit warmen Tee in Betracht, mit Büchern und dem Fallen von Schneeflocken. Warte auf das Knacken von Eisfeldern, wenn ich über das Feld hinter dem Haus laufe. Freue mich auf den Weihnachtkaffee bei Starbucks, der nur gut schmeckt, wenn Dampf aus dem Mund in die Kälte schwebt.
Und ich rechne mit diesem verflixten Song von Wham, der in nächster Zeit mit Sicherheit im Radio laufen wird und mich dazu bringt, zur Rettung meiner Ohren wahllos ein paar Knöpfe zu drücken um einen anderen Sender zu suchen.
Wie ein Schlag in die Magengrube.
In mir drin wäre Winter, ich bin bereit. Draussen ist höchstens September.

Am Nachmittag war ich schliesslich beim Friseur.( Dort sind immer alle besonders hübsch. Liegt das am Beruf?)
Wir reden nicht über das Wetter, darüber wird nur gesprochen, wenn es einen ärgert. Die junge Frau neben  mir breitet ihr Sexualleben aus, sie beschreibt ihre Präferenzen ausführlich und so präzise, dass ich Schweisstropfen der Anstrengung sehen kann, die eine Haut herunter perlen.
Ich betrachte sie von der Seite, während meine Friseuse mir die Haare kämmt: Jung. Noch nicht dreissig. Hübsches Hipstermädchen mit der unnötig grossen Brille und den engen Jeans. Sie erzählt von Bekanntschaften, die sie über das Internet gemacht hat und die sie dann spätabends spontan in einer Bar traf. Um sich in der Toilette einer zehn Minuten Übung hin zu geben. Oder sie erzählt unbeschwert von Männern, die keinen hoch bekommen. Dabei lacht sie ein wenig.

Als ich gehe, an ihr wird noch gearbeitet, treffen sich unsere Augen kurz in ihrem Spiegel. Ihre leuchten stolz wie kleine Scheinwerfer, deren Licht auf sie selber gerichtet ist. Sie geniesst die Aufmerksamkeit.
Und ich bin plötzlich sicher, dass sie lügt.

Draussen ist es noch immer warm. Nichts ist, wie es ist. Alles spiegelt und ist nichts mehr, als eine Projektion.
Ich kaufe Sterne und kleine Geschenke, die ich zuhause einpacken werde um die zu verschenken. Einfach so.
In fünf Tagen werden sie die Weihnachtsbeleuchtung der kleinen Stadt abends an machen. Vielleicht schneit es dann.

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5 Gedanken zu “Alles ist anders

    • Danke.
      Ihm ist das Wetter so egal, wie etwaige Feste. Sterne sind ihm schnuppe. Hauptsache ich bin da und habe Zeit für ihn.
      Und sein Futternapf ist gut gefüllt 🙂

      (Vielleicht sollte ich wölfisch lernen. Ja. Das sollte ich wohl)

      Gruss,

      Lila

  1. Wart nur. Wenn dann die Weihnachtsbeleuchtung an ist, kommt sie schon, die Weihnachtsvorfreude, die Backwut, der Kaufrausch… ob man will oder nicht. Scheint irgendwas sehr tief Verwurzeltes zu sein. Und schön ist es ja das alles… Aber, geht mir genau so, obwohl es hier schon knackig kalt ist…Herzlichst, lara

    • Weisst du….Ich bin dann die Erste, die jammert, wenn es im März noch schneit.
      Weil ich Lust auf Sonne habe, auf Blumen und die kurzen Röcke der Mädchen ;-).

      Aber jetzt ist mir nach zimtigen Sternen die leuchten.

      Lieber Gruss in deine knackende Kälte !

      Lila

  2. Und für mich Winter-/Weihnachtsphobikerin wirds bald Zeit weihnachtlich beleuchteten Blogs aus dem Weg zu gehen. Triggergefahr.

    Realitäten und Illusionen sind heute wohl der rote Faden in meinen abonnierten Blogs. 😀

    (Ja, sie lügt, resp. phantasiert. Ist das Lüge? Oder einfach nur Fiktion?) 😉

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