Schreiben

Der leere Stuhl

„Hier ist besetzt.“ Sagte der ältere Herr freundlich aber bestimmt, als ich mich auf den freien Stuhl neben ihn setzen wollte.
„Für meine Frau. Sie kommt noch.“ Fügte er an. Dann schlossen sich seine Hände um das Weinglas, er trank einen Schluck. Das Gespräch war beendet. Rund um uns herum wird gefeiert: Weihnachtsessen. Freie Plätze an Tischen werden gesucht, man begrüsst einander. In der Ecke steht eine übergrosse, kitschig geschmückte Tanne. Ich erinnere mich, dass meine Grossmutter schon Mitte November anfing, Weihnachtslieder zu singen. Leise rieselt der Schnee mochte sie besonders.
Mein liebstes Lied war das vom Tannenbaum, der grüne Blätter hat, statt Nadeln. Blätter !, sag ich besonders laut und freute mich, weil ich das Geheimnis des Liedes kannte.

Die Plätze wurden rar im Raum. Immer wieder Menschen die fragen, ob sie sich neben den Herrn setzen dürfen. Er sagt konsequent, dass der Stuhl besetzt ist, weil seine Frau noch kommen wird. Jemand schenkt ihm Wein nach. Seine Haare sind von tiefem Weiss, dicht und wellig. Sie erinnern mich, passend zur Jahreszeit, an die kleinen Hügel auf der Skipiste.
Die Augen sind von klarem Blau. Neugierig, munter. Kurz bevor die Vorspeise serviert wird, sagt jemand zu dem Mann:
„Die kommt nicht mehr.“
„Doch doch.“ Erwiderte er lächelnd.

Sie ist vor ein paar wenigen Wochen gestorben. Als er ihre Hand hielt, wunderte er sich laut, warum sie so kalt ist.
„Du musst dich besser zu decken!“ Er zog die Decke hoch, bis ihre Hände bedeckt waren.“So!“
Seither ist sie einkaufen gegangen, oder zur Erholung im Krankenhaus. Die selige Haube der Vergesslichkeit legt sich über die Realität, überzieht sie mit der dichten Erinnerung und produziert daraus rettende Gedanken, um nicht zu fallen.

Es stört ihn nicht, dass er alleine gegessen hat an dem Abend. Dass der Stuhl neben ihm frei blieb. Als ich ihn beobachtet habe, fragte ich mich, ob der Stuhl nur für uns Sehenden (die wir es vielleicht gar nicht sind) leer geblieben war.
Während er so zufrieden seinen Wein trank, so ruhig mit der Gabel die Bohnen aufspiesste, um sie zum Mund zu führen, war er womöglich gar nicht alleine.

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25 Gedanken zu “Der leere Stuhl

    • Merci Madame LilaWolke !
      Ich mochte diesen Satz, kaum geboren, auch. Weil wir mit verschiedenen Sinnen sehen können. Ich glaube, da müssen wir nicht darüber diskutieren. Du verstehst schon, was ich damit meine :-).

      (Herzlich Willkommen hier übrigens)

      LG.

      La Lila

    • Danke auch dir!
      Weisst du. Der Trost, wie ich es sehe, ist die Tatsache, dass die Frau nicht wirklich tot ist. Nur vorübergehend woanders. Da ist kein Abschied. Keine Trennung.
      Für den Mann, glückselige Vergesslichkeit, ist sie nur eben mal weg.

      Es ist ein Schutzmechanismus. Gar nicht so schlecht, was die Natur so produziert.

      Lieber Gruss nach Norden.

      Lila

      • Genauso empfinde ich es auch. Da erwacht selbst der in Traueranzeigen zu lesende Allerweltsspruch „Wer in den Herzen seiner Lieben lebt, ist nicht tot, sondern nur fern“ zum Leben. Etwas von der Frau in deiner Geschichte saß den ganzen Abend neben ihrem Mann. Also kann sie gar nicht tot sein. Der Mensch besteht ja nicht nur aus seiner Hülle. Diesen Impuls hilft mir sehr. Danke!

    • Ja. Die Parallelen. Immer wieder.
      Leider komme ich nur einmal , oder höchsten zweimal, während der Woche zum Lesen meiner Lieblingsblogs.
      Ich weiss auch nicht, wo meine Zeit so schnell hin läuft, nein: Rennt!

      Der Stuhl ist erst dann leer, wenn sich niemand mehr an die Frau erinnert.

      Gruess!

      Lila

  1. Die Gedanken sind frei, sagt man. Aber das Allerschönste ist, dass man in Gedanken nie alleine ist. Immer taucht jemand auf, auch wenn es die gleiche Person ist, mit der man ungehört Zwiesprache halten kann.

    • Ja.
      Und wenn du Pech hast, ist die ganze Bande auf der Bühne deiner Gedanken und quasselt dich voll.
      Vielleicht gerade dann, wenn du an einer Kasse im Supermarkt stehst und dir Gedanken darüber machst, ob du alles eingekauft hast ;-).

      Ps. Willkommen hier. Bowmore.

  2. Barbara jacob schreibt:

    Im März IST meine Mutter gestorben. Und während sie starb , war sie nicht alleine. Ich habe sie, die bei uns waren, nicht gesehen, aber gespürt. Ein großer Trost !

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