Schreiben

Die Schneekönigin und ich

Sie kamen mit roten Wangen und glänzenden Augen nach Hause. Mit kalten Fingern in den dicken Handschuhen, die gestrickten Mützen tief über ihre Gesichter gezogen. Draussen schneite es, an den guten Tagen. An den schlechten war es einfach nur kalt. Ich zog allen drei die dicken Jacken aus, hängte sie an die  Nägel, die behelfsmässig in die Holzwand geschlagen waren. Zog ihnen die warmen Stiefel aus, meistens blieben die Socken darin stecken. Küsste ihnen die Kälte weg, damit ihre Herzen nicht erfroren.
Wir tranken heissen Kakao, eingekuschelt in warme Decken, zusammen auf dem Sofa. Während sie erzählten, alle drei durcheinander. Jeder wollte den anderen übertrumpfen oder eine Information los werden.
Weihnachtsabend.
Die Geschenke eingepackt, der Baum geschmückt, das Essen vorbereitet. Dabei feiere ich Weihnachten nicht, ich bin nicht katholisch. Aber die Kinder lieben liebten es. Rehe haben sie keine gesehen,erzählten sie, diesmal nicht. Auch keinen Dachs. Der schlafe eh tagsüber. Aber nachts komme er bestimmt, um die Äpfel und das trockene Brot zu essen, das sie zu diesem Zweck an den Waldrand gebracht haben. Weihnachten ist doch auch für die Tiere im Wald etwas besonderes, nicht?
Während die Gesichter von der Wärme im Haus rosiger wurden, erfuhr ich, dass Gerda den frierenden Kay aus dem Eispalast gerettet hat: Sie hat ihn mit ihren warmen Tränen wieder aufgetaut.  Dann sind sie zusammen nach Hause gefahren. Am Ende ist alles gut, darum ist es ein Märchen. Das ist immer so.
Der Mann sass neben mir, er war es, der mit den Kindern jedes Jahr an Weihnachten in den Wald fuhr, ihnen warmen Tee zu trinken gab und ihnen die Geschichte von der Schneekönigin erzählte. Nachdem sie die Rehe und Eichhörnchen gefüttert haben. Damit ich zuhause alles in Ruhe vorbereiten kann. Jedes Jahr, auch als die Kinder gross genug gewesen wären, um das Märchen selber zu lesen. Sie wollten es so.

Als ich aufhörte, seine Schneekönigin zu sein, als ich sein Herz nicht mehr mit meiner Wärme erreichen wollte, weil ich selber fror, war es mit dem Märchen zu Ende.

Aber jedes Jahr an diesem Tag erinnere ich mich an die glücklichen kleinen Gesichter, welche die abgetretene Holztreppe zum Haus hoch rennen und dabei kleine Dampfwolken abgeben. Wie Lokomotiven. Und wie ich ihn dankbar küsste, als er mit ihnen zur Türe herein kam. Weil er die Zwerge so sehr liebte, wie ich. Oder wie ich ihn. Und er mich.
Märchen enden immer gut.
Das Leben auch.

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2 Gedanken zu “Die Schneekönigin und ich

  1. Danke 🙂
    Es ist alles gut, inzwischen. Die Zwerge sind keine mehr und ihnen blieb trotzdem, wie mir, die Erinnerung an die Zeit, als wir alle noch Schneekönige und -königinnen waren.

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