Schreiben

Like a star

Letzte Nacht lief ich zu später Stunde, die Uhr am Kirchturm schlug zwölf Mal, durch das kleine Dorf. Der Wolf treu an meiner Seite. Die Luft war schneidend kalt, der Boden gefroren. Tagsüber hatte es in den Schnee hinein geregnet. Er war zum grössten Teil verschwunden. Geblieben sind aufgetürmte Berge von schmutzigem Schnee neben Hauseingängen oder Einfahrten.
Der Himmel über mir war  klar, spannte sich weit wie eine dunkle, schützende Hülle über mir. Jemand hatte leuchtende Sterne dort oben wahllos hin geklebt und mitten drin eine runde Lampe angemacht. Vollmond.
Die Weihnachtsbeleuchtung der alten Bauernhäuser war noch angebracht, strahlte aber nicht mehr.

Die Stille war epochal. (Ich mag dieses Wort.Endlich finde ich Verwendung dafür.) Ich hörte nur das Eis unter meinen Füssen brechen, wenn ich absichtlich auf eine gefrorene Pfütze trat. Sonst nichts. Als wäre ich in ein Paralleluniversum gefallen, das mir eine andere Realität vorgaukelt.

Zuhause auf dem Tisch standen Weinflaschen, leere. Gläser. Bier. Zwei halb niedergebrannte Kerzen. Reste einer Feier. Aufräumen würde ich morgen noch können. An der Eingangstüre klebt ein kleiner Rest des Bananenkuchens, der jemand mitgebracht hat und beim Eintreten von der Türe fast erschlagen wurde.

Der Freundschaft einen Namen geben, der respektvollen Wertschätzung der Menschen, die mit mir zusammen am Tisch sassen. Die nicht nur Worte für die Gefühle finden, sondern auch laut lachen können. Die den ganzen Tag über bis spät in die Nacht der Kälte draussen leuchtenden Gesichter entgegen gesetzt haben. Sie erzählten nicht vom HABEN oder vom MEIN. Nicht von der Substanz auf ihrem Konto oder in ihrer Garage. Sie sind neugierig auf dich, sie stellen Fragen. Sie ergänzen, bringen neue Aspekte in dein Denken.

Wenn sie gehen, lassen sie leere Weinflaschen da und sie zünden die Sterne für dich an und den Mond. Damit du den Weg sicher im Dunkeln findest und immer weist, wo dein Weg lang geht.

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9 Gedanken zu “Like a star

  1. Hach, ein wunderbares Hoch auf solche Freundschaften. Ja. Sie sind ein Geschenk. Ein Wunder. Und wären eigentlich das Normalste und Natürlichste auf der Welt …
    Danke für diesen feinen Text!

    • Momol… Ich bin erschrocken, als ich die Kuchencreme unten an der Tür entdeckte. Dann erinnerte ich mich und musste lachen… Schließlich konnte ich mich knapp daran hindern, die feine Creme vom Holz abzulecken 😂

  2. Oh wie schön Dein Text ist! …und wie schön, solche Freunde zu haben! Das wünsche ich mir auch für 2015 !! …und jetzt schlage ich erstmal ‚epochal‘ nach… 🙂 Alles ❤ L*

  3. Mir ist es immer ein bisschen zu anstrengend, mehrere Menschen um mich zu haben. Deshalb mach ichs nicht oft. Aber dein Beitrag ist so schön, dass ich jetzt auch Bananenkuchen an der Haustür will. 😉

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