Schreiben

Fragile Liebe

Ich sehe sie. Sie sieht mich.
Um mich ist es geschehen, gebe ich zu. Ich will sie. Mehr nicht. (Aber auch nicht weniger)
Die Zuneigung ist einseitig, das weiss ich. Fakt ist aber: Ich habe Geld, sie nicht. Also kann ich sie mir kaufen.
(In diesem Zusammenhang an Menschen zu denken, ist absurd aber real, nicht wahr? Kapital bedeutet Macht. Nicht? Damit hast du die Kontrolle. Die Autorität steckt in deiner Brieftasche, nicht in deinem Herzen.)
Ich schweife ab, verzeih.

Meine Hand greift zaghaft in Luft, ich will sie berühren, bin aber noch etwas zurückhaltend. Ich weiss um ihre Eigenheit der ganz besonderen Distanz, die sie ausstrahlt. Man sagt, sie sei dünkelhaft und blasiert. Das sind die Neider, darauf will ich nicht eingehen. Ich bin der Meinung, sie ist wunderschön und ihre Reserviertheit ist es, die ihren Reiz ausmachen: Wie oft geht es mir ähnlich wie ihr? Wie gerne würde ich, und kann nicht?
Nun, ich berühre sie und es passiert ! Sie reagiert so, wie ich es aus meiner Erfahrung kenne und präzis so, wie es ihrer schüchternen Art entspricht: Sie zieht sich von mir zurück. Sie macht dicht, sozusagen. Sie verschliesst sich mir. Ende der Kommunikation. Zeigt mir klar: Du bist zu weit gegangen.
Anschauen ja.
Berühren nein.
Unweigerlich ziehe ich dabei Parallelen zu den Menschen: Sie zeigen mir ihre Grenzen nie so klar, wie sie es tut. Wäre die Welt nicht um einiges einfacher, wären wir alle ein bisschen Mimosen? Oder müssen wir, um uns den gesellschaftlichen Erwartungen anzupassen, eine dicke Schale wie eine Kokosnuss um uns herum aufbauen?

Ich lege den kleinen Topf mit der zarten Mimose in den Einkaufskorb. In Nachbarschaft mit einem Usambaraveilchen und einer Hyazinthe. Wir spazieren zusammen zur Kasse. Ich lege sie, wie im Gartencenter üblich, auf das Fliessband.
Meine kleine Mimose hat auf die beiden anderen Töpfe so reagiert, wie es ihrer Natur entspricht: Sie hat sich ängstlich zurück gezogen und gleicht einem verdorrten Haufen Blätter. Sie schätzt Nähe nicht.
Entschuldige, ich habe euch einander nicht vorgestellt. Tut mir leid.

Sie bekommt einen schönen Platz am Fenster, mit genügend Raum um sich herum, dass sie glaubt alleine zu sein.
Seither streckt sie ihre zarten Blätter mutig in das Licht. Würde ich sie berühren wollen, zöge sie sich unweigerlich wieder zusammen. Also lasse ich sie. Und halte Distanz.
Ich liebe sie, meine kleine Mimose.

Ps. Ich kann euch flüstern hören: Im Gegensatz zu der Pflanze, sind mimosenhafte Menschen sehr anstrengend. Das ist wohl wahr. Vielleicht sollte man sie einfach sein lassen, wie sie sind? Oder auf das Fensterbrett stellen und sie regelmässig giessen. Das passt dann schon. 🙂

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5 Gedanken zu “Fragile Liebe

  1. Die wenigsten sind immer und bei allen einen Mimose. Die meisten aber wahrscheinlich bei bestimmten Menschen oder Themen, ich gehör auch dazu. Dann möcht ich – genau wie dein Blümchen – nichts anderes als liebevoll ein Stück getragen, an einen hellen Platz gebracht und regelmäßig gegossen werden. Schönes Beispiel. 🙂

    • Darum trage ich Sorge zu dem kleinen Pflänzchen…Ich neige zur Bequemlichkeit…Heisst: Bei mir überlebt nur zähes Grün.
      Die Mimose ist eine Herausforderung, der ich mich jetzt stelle: Sie steht für ganz vieles.
      Also MUSS es ihr gut gehen 🙂

      (Ich halte dich auf dem Laufenden.)

      Lila (blumig)

  2. So sind wir doch auch ein wenig. Ich auf jeden Fall. Bis jemand kommt, der weiß, wie man Mimosen behandelt. Und dass man sie so nehmen muss, wie sie sind. Sonst geht gar nichts. 🙂
    Schön, dein Text. 🙂

  3. Ich bin sprachlos. 😀 Ungefähr dieselben Gedankengänge hatte ich auch, als ich meine kleine Eigenbrödlerin letzten Monat im Gartencenter traf.
    Bei mir überlebt auch nur, was robust genug ist. Die kleine Eingeschnappte arbeitet noch dran. Sie ist jetzt unter die Haube gekommen, in der Hoffnung, dass ein bisschen Abschirmung ihr das Gefühl von mehr Sicherheit gibt.

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