Schreiben

Von Champagner und Musik

Gestern an einem Konzert, irgendwo in der idyllischen Provinz. Ich weiss nicht was mich erwartet, habe den ganzen Tag gearbeitet und bin entsprechend müde.
Das Publikum ist gemischt, ich verliere mich etwas in der Beobachtung. (Ja, ich liebe das. Genau das.)
Schliesslich sehe ich sie, direkt neben mir.
Während ich ein Glas Rotwein bestelle bei der Schönen mit den dunklen Locken, zeigt sie auf die Flasche Champagner, die ganz hinten steht. Das da ! Die lockenköpfige dreht sich etwas erstaunt um. Ob sie ein Cüpli möchte? Die angesprochene schüttelt den Kopf. Sie tut das so heftig, dass ihr die Brille von der Nase rutscht und diese mit dem Zeigefinger wieder ordentlich an den richtigen Platz geschoben wird.
„Nein. Ich möchte bitteschön ein Glas Schampanier.“ Ihre Stimme ist weich, schüchtern. „Bitteschön.Ich wollte das schon lange mal ausprobieren.“
In diesem Moment muss ich euch vielleicht die Dame etwas näher beschreiben: Sie ist klein, zierlich. Um ihre Schultern ist etwas gehäkeltes drapiert und vorne an der Brust sorgfältig geknöpft. Ihre Haare weisen die Farbe einer Feldmaus auf, die zu viel Zeit an der Sonne verbracht hat. Vermutlich ist die Farbe Absicht, wie es die Dauerwelle ist, die in wilden Kringeln um ihren Kopf tanzen. Das Gesicht ist zerknittert. Allerdings auf eine schöne Weise: Sie hat keine tiefen, vertikalen Täler in der Landschaft ihres Gesichtes, das von Entbehrungen oder altem Hass zeugt.
Sie ist achtzig. Oder ein bisschen darüber, ich bin schlecht im schätzen.

Ich trödle also mit meinem Weinglas herum. Versorge umständlich mein Portemonnaie in der Tasche, während die Dame ihres öffnet, um zu zahlen. Ihr Champagner steht vor ihr. Der  Bügelverschluss ihrer Geldbörse klemmt, schliesslich hat sie es offen. Ihr Blick folgt den Fingern, die dort nach Geld suchen. Entsetzt sagt sie: „Ich habe kein Geld. Ich habe IHM doch gesagt, dass er mir noch Kleingeld hinein legen soll.“

Natürlich nehme ich mein Geld wieder hervor. In der Absicht ihr das Getränk zu zahlen. (Hundert Punkte auf meiner Karmaliste. Ausserdem will ich sie zum Lächeln bringen, möchte sehen, wie sich die Falten in ihrem alten Gesicht glätten.Vielleicht bringe ich damit ihre Augen zum Leuchten.)

Während des Konzertes sitzt sie eine Reihe vor mir. Zusammen mit ihm, der ein bisschen aussieht wie Woody Allen.
Ich frage mich, was die beiden hierher verschlagen hat. Nach ein paar Songs sehe ich, wie sie die Augen schliesst: Schläft sie?
Mais non! Sie geniesst! Sie wiegt mit ihrem Kopf langsam der Melodie nach, ganz wenig nach rechts, ein bisschen nach links. Bedächtig. Wenn der Song zu Ende ist, öffnen sich ihre Lider. Sie hebt die Hände, die bisher verknotet in ihrem Schoss lagen, und applaudiert mit erhobenen Händen, ähnlich wie kleine Kinder.

Am Ende des Konzertes verlassen beide auf die langsame Weise, wie alte Menschen es tun, den Raum gemeinsam. Er trippelt, als hätte er Parkinson. Sie bleibt an seiner Seite.
Ich nehme mir vor: Wenn ich mal so alt bin, lasse ich mir auch den Champagner zahlen. Und ich werde an einem Rockkonzert ganz vorne sitzen. Dann schliesse ich ebenso die Augen. Damit niemand sehen kann, wie glücklich ich bin.

—*Hier kommst du zur offiziellen HP von Ivo*—

Standard

14 Gedanken zu “Von Champagner und Musik

        • Das hat was. Ist wie bei allem: Einfach zuhören, sich halt die Zeit nehmen. Jeder Mensch hat was zu erzählen.

          Erinnert mich grad an eine Frau, die mit 97 im Sterben lag. Ich fragte sie immer: „Wie geht es Ihnen jetzt?“
          Sie erwiderte:
          „Ach. Ich gehe da hoch…“Dabei zeigte sie zum HImmel. „Was solls. Aber SIE, wie geht es ihnen? Was macht der Hund?“

          Sie war am sterben. Aber ihr Interesse galt mir. Weil sie wusste, dass der Tod nunmal unabdingbar war. Ich aber lebte.

          • Die Frau, die im Sterben lag, hatte ja auch wenig zu erzählen. Was soll sie dir immer wieder erzählen, dass es ihr ein wenig besser oder schlechter geht. Da ist es doch tausendmal interessanter, von dir zu hören. Das ist aber nicht als Kritik zu verstehen, so ist nur mein Gedanke. Ich würde mich sehr freuen, dass du mich so etwas fragen würdest, aber mich würde dann auch eher interessieren, was sonst so los ist. Weg mit dem Gedanken an mein eigenes (Un-)Wohlbefinden. Und dass jeder Mensch etwas zu erzählen hat, sehen wir ja hier ständig. Immer wieder ploppt ein neuer Eintrag auf. Und es ist so wundervoll, denn ich will sie ja auch lesen. 🙂

            • Hmm.
              Ich denke nach, über das was du geschrieben hast. (Bleib kritisch.Hinterfrage und habe weiter den Mut, ehrlich zu sein :-). Immer.)

              Ich habe das noch nie so gesehen wie du. Vermutlich bin ich inzwischen etwas Betriebsblind: Ich frage nach den Vitalzeichen des Patienten, nach seinem Befinden. Dabei vergesse ich vielleicht gelegentlich wesentliches: Die Seele als Teil der Kommunikation anzusprechen.
              >>Weg mit dem Gedanken an mein eigenes (Un-)Wohlbefinden. <<

              Danke für diesen Gedanken. Den trage ich jetzt mit und kaue darauf herum 🙂

  1. Jaaa, nie aufhören, Neues anzufangen. Wobei … sie war sicher schon an Rockkonzerten, als wir noch in die Windeln machten … 😉
    Ob sie da wohl schon Schämpis getrunken hat?
    Wir vergessen leicht, dass die alten Damen und Herren auch mal wilde Weiber und Kerle waren.
    Feiner Text!

    • Ich denke das gelegentlich. Während wir uns in der Gegenwart älterer Leute so respektvoll verhalten und nicht über…(nachdenkt)…Sex reden, bin ich mir bewusst, dass sie in ihrem hohen Alter mehr davon hatten als ich 🙂
      Mehr von allem. Und von gewissen Dingen halt weniger.

      Wie auch immer. In ein paar Jahren werden sie einen extra Parkplatz für Rollatoren neben dem Eingang zu den Rockkonzerten machen. (Müssen.)

    • Dankeschön. Du Liebe.
      Es ist halt so…Ich bin irgendwo und sehe irgendwas. Und manchmal habe ich die Zeit, um darüber zu schreiben. Gelegentlich eben nicht.
      Aber immer gerne, dass sie die Herzen von den Lesern erreichen 🙂

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s