Schreiben

Eine Zugfahrt

Aarau. Gleis 14.
Auf dem Perron ist es zugig und laut. Man raucht die letzte Zigarette, bevor der Zug kommt, oder stöpselt die Kopfhörer ein. Ich steige mit einem Schwall anderer Leute ein, plötzlich sind zahlreiche Arme und Beine um mich herum. Ein gewaltiger Octopus aus Menschen.
Ich setze mich zu einer Frau, scheine einen guten Griff gemacht zu haben: Fensterplatz. Gegen die Fahrtrichtung das spielt keine Rolle. Sie entfernt ihre Tasche, nimmt sie auf den Schoss und fragt fürsorglich, ob es geht. Ja, danke. Wunderbar.
Hier ist es warm. Nur eine halbe Stunde bis nach Zürich.
Ich entspanne mich, fische mein Buch aus dem Rucksack.

Sie fördert einen Terminkalender hervor, einen Kugelschreiber und ein Handy. Schließlich beginnt sie damit, alle möglichen Kunden, Patienten vermute ich, zu kontaktieren. Fragt mit lieber Stimme, wie es denn gehe und bietet einen neuen Termin an. Das geschieht laut, systematisch. Ich bin froh, dass es Herr Fuchs und Frau Bär besser geht.Wunderbar.
Nach einer Viertelstunde ist sie durch. Sie ordnet jetzt den Inhalt der Tasche neu, findet einen Fussel am roten Pullover aus ökologischer Wolle, massiert ihre Hände ausgiebig.

In der jetzt entstandenen Ruhe, zu diesem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass es eine trügerische Ruhe sein würde. Höre ich das regelmäßige Rumpeln des Zuges, das Rascheln einer Zeitung. Beinahe wäre ich eingeschlafen, mit dem Buch in meinen Händen. Zwei Zeilen gelesen bisher, mehr nicht.

»Ich sage dir! Ich habe nur fünfhuntertfünzig Fragen bekommen! Hallo? Sie haben mir nicht mehr gegeben!«
Oh. Ein Mann. Eine Reihe hinter der Frau, er schreit in das Handy.
»Nein, eben nicht! Fünfhundertfünfzig!Hör mir endlich zu!«
Er nennt die Zahl noch ein paar Mal, ich denke darüber nach, ob es ein Code ist oder eine magischeZiffer: Zweimal die Fünf und einmal die Null.
»Bin ich unterwegs zu dir oder nicht?Also ? Hallo? Beruhige dich oder ich lege auf!«
Ja, denke ich. Leg auf.
Er streitet weiter.

Der letzte Halt vor Zürich. Leute steigen aus, genauso viele wieder ein.
Eine Frau setzt sich schräg gegenüber in das Abteil, legt vorsichtig eine grosse Tasche auf den freien Platz. Sie zieht ihre Daunenjacke aus, den Schal, die Mütze, die Strickjacke. Macht es sich bequem, lächelt mich an.Nun, wir lächeln beide. Sie sieht nett aus, bisschen crazy mit den vielen Schichten an Kleidern, die sie übereinander trägt. Mir gefällt sie.

»Jetzt reicht es mir.Hallo? Ich lege jetzt auf. Mach doch was du willst!«

Die Frau packt das Bündel: Ein winziges Baby mit einer gestreiften Mütze wird aus den Decken geschält. Sie schiebt ihre Pullover hoch, drückt den Kopf des Kindes an die Brust. Als es trinkt, zieht sie ihm die Mütze ab.Streichelt vorsichtig über den hellen Flaum am Kopf des Kindes.

Vor dem Fenster ziehen die Vororte vorbei. Die Durchsage weist darauf hin, dass wir in ein paar Minuten in Zürich einfahren.Endbahnhof.Hastig nimmt die Frau das Kind von der Brust, es schreit entsetzt, weil man ihm die einlullende Geborgenheit und Nahrung nimmt.

Hektik macht sich breit. Die Frau gegenüber fährt sich über die Haare, richtet sie. Der Mann mit den fünfhundertfünfzig Franken in der Tasche steht auf: Er trägt schäbige, abgenutzte Kleider und wiegt etwa hundert Kilo.
Das Baby wird in die Decken eingewickelt, wieder umgebunden.

Zürich. Endbahnhof. Ziel erreicht.

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12 Gedanken zu “Eine Zugfahrt

  1. Sehr schade, dass so viele Leute die Ruhe der Bahn nicht mal nutzen können. Also nicht zum Arbeiten oder um das ständig nervende Handy zu beschallen, sondern um zur Ruhe zu finden…eigentlich hätten da viel mehr Mitfahrer es dem Kleinen nachmachen sollen und einfach mal lauthals rumheulen sollen, weil eure schöne und wohlige Fahrt so zerstört wird.

    • Ich teile deine Meinung. Die Oasen von früher sind keine mehr. Im Cafes, in Zügen, in Abflughallen der Flughäfen, an Bahnhöfen…Überall sind wir stets online und verfügbar.
      Immer erreichbar.

      Ich auch. Ich bin genauso ! Also nichts mir erhobenem Zeigefinger 🙂

      Ich entspringe einer Zugfamilie: Wir hatten nie ein Auto und schafften alles, auch die Verwandtenbesuche nach Frankreich und Spanien, mit dem Zug.
      Ja. Ich habe es geliebt.

      D.

      • Den Zeigefinger möchte ich auch nicht unbedingt erheben, aber ich habe es hier wohl getan, gerade weil ich mir schon im Alltag das Handy auf komplett lautlos schalte und einen Teufel tun werde, das zu ändern. 😉 Ich mag es, einfach nur zu träumen und die Welt vorbeiziehen zu lassen. 🙂

        Zugfahren ist eine wirklich schöne Sache, leider mittlerweile auch teuer, aber wenn man es geschickt anstellt, dann kommt man auch günstig von A nach B und erlebt dabei noch viel mehr. 😀

        Ben

        • Recht hast du. In allen Punkten 😊.

          Lieber Gruß.
          D.

          PS. Für die Bahnfahrt von Aarau nach Zürich und zurück, habe ich 48 Franken bezahlt. Ein Luxus, den ich mir selten leisten kann.
          Denke in D. sind die Preise ähnlich?

  2. ich habe mein natel IMMER auf lautlos .. es vibriert 🙂 Ich finde es immer spannend im zug, grad wenn so ein durcheinander herrscht . Ich mag keine stille ruhige stunden im zug, ich schlafe sofort ein … :0)

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