Schreiben

Eine Liebe, mehr als 08/15

In meiner Hand trug ich eine Orange, als sie in meine Nähe kam. Zuerst widmete ich ihr keinerlei Aufmerksamkeit. Warum sollte ich? Es war Samstag, wir befanden uns bei der Obstabteilung eines Supermarktes. Also was?
Ich dachte über die Menuplanung des Abends nach, wog Orangen, Paprika, Äpfel ab. Hob die Tüten in den Einkaufswagen, schob ihn gemächlich um die Bojen herum, die Menschen waren. Keinen Stress.
Dann nahm ich sie wahr: Gross, schlank, mit unglaublich langen Haaren, die ich nie in meinem Leben züchten kann. Die Augen, von tiefem Blau, ultramarin nennt man das, glänzten wie Murmeln. Die Anwesenheit gab dem Raum etwas strahlendes, als wären alle Lichter angegangen. Die Orangen leuchteten wie gefallene Sonnen neben ihr.
Die Szene war wie in einem Film: Der Vorspann lief, die Protagonistin durchquert den Raum. Gemächlich. Einen Fuss vor den anderen setzend, der Wirkung bewusst sein, die man auslöst.

Dann sah ich den Mann an ihrer Seite: 08/15. Untersetzt, Bauchansatz, leichte Glatze. Der Mund offen stehend, was ihm einen leicht dümmlichen Ausdruck verlieh. Die linke Hand umschloss ihre, er wirkte glücklich.

Ich ging zum Salat über, strich mit der Hand über die grünen Blätter. Wischte das Nass an meiner Jeans ab, das meine Finger jetzt überzog. Ein Salat muss nass glänzen, damit er frisch wirkt.
Als ich mich nach ihr umdrehte, war sie verschwunden. Nein, doch nicht. Sie hatte sich verändert: Ihre Haare hatten jetzt dringend eine neue Färbung nötig, glanzlos durch konsequentes Strecken. Augenringe, fahle Haut. Eine müde Haltung wegen eingezogenen Schultern. Übergewichtig, dicke Beine in fadenscheinigen Leggins. Nichts an sich, was annähernd einen Hauch von edlem Glanz an sich hatte.
Magie?
Nein. Nichts dergleichen. Ich hatte sie einen Augenblick durch die Augen ihres Mannes gesehen. Mehr nicht. Empfand dieses Glück, das er ausstrahlte, mit der ganz besonderen Frau zusammen zu sein, die für ihn die wunderschönste aller ist. War für eine Sequenz im Zauber der Beziehung drin, die noch intakt und von spezieller Intimität ist.

Ich schloss die Augen. Öffnete sie wieder und konnte den innigen Blick sehen, mit dem die Frau ihn musterte, während beide an der Fleischtheke standen.
Was für ein schöner Mann! Gross, schlank. Blaue Augen und schwarze Haare und….

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3 Gedanken zu “Eine Liebe, mehr als 08/15

  1. Ja. Der Text hat etwas kitschiges, zugegeben.
    Ich kann dir aber versichern, dass es mir genau so ergangen ist.
    Samstag in der Migros in Suhr. Punkt.
    (Die Frau soll sich bitte melden
    ) 🙂

    Gruss!

  2. Die Geschichte ist überhaupt nicht kitschig! Sie erzählt – wieder einmal – nicht nur von dem verliebten Paar im Supermarkt, sondern auch von dir, und dass du sowas siehst. 🙂

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