Schreiben

Morpheus und die Trauer des Erwachens

„Etwas ist anders heute, einfach anders. Ich kann es nicht erklären.“
Der Mann sitzt auf seinem Bett, die Füsse stecken in bequemen Pantoffeln (Finken, ich muss das loswerden. In der Schweiz sprechen wir von Finken.) mit rutschfester Sohle. Die weissen Haare sind schlafzerzaust, sein Blick müde, das Gesicht zerknittert. Ein bisschen ähnelt er einem alten Baum, der sich trotzig der Axt entgegen stellt, die ihn fällen will. Kein Tod, sterben tun nur die anderen. Die rechte Hand gleitet zur Schulter, er verzieht das Gesicht: Schmerzen.
„Wissen Sie wo meine Freundin ist?“ Ich umgehe die Frage, helfe ihm beim Ausziehen des Pyjamaoberteils, ziehe es schwungvoll über seinen Kopf. Während ich eine Creme auftrage, die gegen Schmerzen sein soll und viel mehr verspricht, als sie hält, erzähle ich etwas. Irgendwas. Wichtig ist nicht der Inhalt des Gesagten, sondern die Melodie der Worte.
„Wissen Sie, wo meine Freundin ist?“ Natürlich weiss ich das: Dunkle, winterschwere Erdbrocken liegen auf ihr. Sie ruht in einem Kokoon aus Holz, verschraubt mit rostfreien Nägeln, wegen der Feuchtigkeit im Boden. Seit ein paar Monaten schon. Seither ist er alleine.
„Sie ist gestorben. Im letzten Dezember.“ Ich sage das ohne Anzeichen einer Emotion, ruhig und gelassen. So ist es am Besten. Dabei sehe ich sie vor mir, ihr Lachen und den zähen Charakter, der sie so alt werden liess.
„Aber. Nein. Das kann nicht sein. Das wüsste ich doch! Das hat mir niemand gesagt!“ Ich bin auf seine Trauer vorbereitet. Jeden Tag, wenn ich bei ihm bin, weiss ich, worauf es hinaus geht. Anfangs erklärte ich es ihm wortreich, tröstend. Inzwischen schiebe ich die Schublade seines Nachttisches auf, ziehe den Bogen mit der Todesnachricht hervor und gebe es ihm zu lesen. Seine Augen sind noch gut, er liest mit zitternden Händen, während ich neben ihm auf dem Bett sitze und warte.

„Sie war doch noch so jung. Das ist nicht fair.“ Sagt er. Ich sage:“ Sie war 97.“

Er schüttelt den Kopf. Etwas klickt in da oben, als würde ein passendes Puzzlestück, vergessen geglaubt, in die richtige Form rutschen. „Ja. Welchen Tag haben wir heute?“ „Sonntag. Haben Sie Hunger?“

„Und wie!“ Er lächelt. Alles ist gut.
Nachts, wenn Morpheus sein Spiel in den Träumen der Menschen spielt, taucht die Frage wieder auf. Wo ist meine Freundin? Sie war doch nicht so jung.

(Kannst du dich erinnern? Der gleiche Mann hat an Weihnachten des Stuhl neben sich frei gehalten. Für die Freundin, die damals schon tot war. Für alle. Aber nicht für ihn.)

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6 Gedanken zu “Morpheus und die Trauer des Erwachens

    • Das Alter ist eine Kiste voller gelebtem Leben, voller Erfahrungen. Und die Liebe ist, wie du schreibst, unsterblich.
      Das Einzige, was bleibt: Die Erinnerungen.
      Bei bestimmten Krankheiten gehen oft sogar die weg. Schade.

  1. Sehr schöner Text, Frau Lila. Bei der Lektüre fiel mir ein, dass eine Freundin von mir eine Ausbildung für die Betreuung von Alzheimer-Patienten macht. Kern der Sache: Man zwingt die Betreuten nicht zur Wahrheit, sondern hilft ihnen liebevoll durch eine fixe Idee hindurch. Weiss nicht mehr, wie das heisst – ist in diesem Fall wohl auch nicht die richtige Option und wäre wohl sehr schwer zu bewerkstelligen.

    Geschmunzelt habe ich über die Finken. Ich habe mal bei einer deutschen Freundin etwas von „Finken“ gesagt, in der Hitze des Gefechts, ich weiss, dass das Hochdeutsch Pantoffeln sind. Eine Frau, die da auch noch war, strahlte auf. „Jaja, wird sagten auch Finken!“ Sie war aus dem Südbadischen.

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