Schreiben

Kuba ist in Basel

Es ist Samstagabend. Früh genug, um noch Party zu machen, aber gleichzeitig auch die richtige Uhrzeit, um sich unter die Decke zu kuscheln um zu schlafen. Die Decke auf dem Bett ist von einem sterilen weiss, die Wände ebenso. Die Atmosphäre eines Krankenzimmers oder, noch schlimmer, einer Zelle. Draussen regnet es leicht, es ist kalt. Ich stehe am Fenster und betrachte die Stadt unter mir, die nicht meine ist.
Sie ist es genauso wenig, wie die Decke. Oder das Zimmer.

Ich hänge meinen Gedanken nach, sortiere die Worte, die ich tagsüber am Workshop geboren habe. Ziehe sie auf eine Schnur, entwerfe eine Kette aus Sätzen. Ob ich mich einsam fühle? Nein, ich mag das gelegentlich: Fremde Orte sind mir nie lange fremd. Der Tag war kopflastig, der Regen nervt. Ich habe irgendwo bei einem Chinesen gegessen. Etwas mit Tofu und Reis. Auf der weissen Bettdecke, die wirklich so weiss ist, dass sie beinahe leuchtet, liegt mein Buch. Ich bin bei Seite zweinhundertirgendwas. Es liest sich flüssig, der Schreibstil ist klar und gut. Dennoch weiss ich nicht, ob ich die Geschichte mag, oder nicht.

Die Fenster sind neu. Man hört das Bimmeln des Trams nicht, keine Geräusche der Menschen, die vorbei laufen, nicht mal den strömenden Regen.
Ich öffne es, will es im ersten Augenblick wieder schliessen, weil die Luft so kalt ist. Das Buch, denke ich, ich werde lesen.
Dann höre ich die Musik, laute Trommeln, die sinnliche Stimme einer Frau, (aus Afrika, da bin ich sicher), eine Gitarre. Noch mehr Trommeln. Unten am östlichen Ende des Platzes steht eine Bühne. Trotz Regen stehen Leute dort, sie klatschen, singen mit und sie tanzen. Die Bühne ist in rotes Licht getaucht, es sieht aus, als würde es brennen. Ein heisses Buschfeuer.

Mir steigt der Geruch von Marihuana in die Nase. Jemand qualmt unter dem Fenster. Ich merke, wie ich mit den Füssen wippe, meinen Körper im Takt der Musik am Fenster wiege. Es ist nicht meine Musik, dafür ist sie zu wenige rockig. Aber es passt in den Tag, in die Stadt, in den Moment.
Gut, denke ich, dann kannst du ja runter gehen. Wenn du eh schon hier herum tanzt. Alleine tanzen ist doof.
Ich schliesse die Türe mit dem Schlüssel, stecke diesen in die Tasche meiner Jeans. Renne die Treppe des Hotels herunter, begegne niemandem. Dann über die Strasse, direkt zum Platz. Hin zur Musik. Vor die Bühne. Hinein in die Menschenmenge, die mich aufnehmen und mir Schutz bieten. Eingekuschelt in die Körper fremder Menschen.

In diesem Augenblick stimmen sie diesen Song an. Ich kenne ihn, klar. Mehr nicht. Irgendwo setzt eine Bewegung ein, es bereitet sich aus wie ein grosses, organisches Etwas, das sich kollektiv entwickelt und eine eigene Dynamik bekommt. Eine Strömung, in dessen Sog ich mich befinde. Es zieht mich nach rechts, nein, nach links. Egal. Der Regen hört auf und ich spüre, dass ich längst den Boden unter den Füssen verloren habe. Ich schwebe. Alle schweben. (Hier möchte ich darauf hinweisen, dass ich stocknüchtern war und es auch blieb.) Der Rhythmus ist längst in mir drin,fliesst, bringt die Synapsen zum Lachen.
Zum Glück dauert dieser Song ewig, sie ziehen ihn so in die Länge, dass ich das Gefühl habe, stundenlang in Kuba an einer Strandparty zu sein.

Ich weiss nicht mehr, wann ich diese Feier verlassen habe. Wenn man mich aber heute fragt, was mir am meisten Eindruck gemacht hat in den zwei Tagen dort, dann weiss ich genau, was ich sage.
Und ein Geheimnis behalte ich für mich: Als ich am nächsten Morgen erwachte, fand ich Sand an meinen Füssen.

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2 Gedanken zu “Kuba ist in Basel

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