Schreiben

Mit allen Sinnen

Die Sonne scheint, das erste Mal seit Tagen. Ich bin im Wald, es ist so kühl, dass ich mich in einen dicken Schal gewickelt habe. Die Kleinstadt schläft noch oder frühstückt mit den Kindern und der Oma, die an Ostern mit dabei sein darf.
Die Füsse landen sanft auf dem dicken Waldboden, auf dem Humus aus Tannennadeln. Der Wolf  dreht sich um, schnuppert. Er ist immer rascher als ich, immer. Er riecht und hört und fühlte das Vorhandensein von etwas noch Unbekanntem schneller. Wenn er zuhause nachdenklich in die eine Ecke im Wohnzimmer starrt, still, ohne Anzeichen von Angst oder Befremdung, wird mir mulmig: Ich sehe nichts. Nie. Und es ist immer die gleiche Ecke, die seine Aufmerksamkeit weckt. Kürzlich war es die Katze, die den genau gleichen Ort anstarrte.
Was siehst du?Fragte ich. Sie drehte sich kurz zu mir um, nur um sich gleich wieder dieser Ecke zuzuwenden.

Ein schwarzer Labrador ist die Ursache seiner Aufmerksamkeit im Wald. Vierzehn Jahre sei er alt, sagt sein Besitzer. Während die Hunde spielen, reden wir. Nichts besonderes, nur über das Wetter, die Politik (ein bisschen, nur nicht zu konkret werden) und über unsere Hunde. Der Mann hat leicht vorstehende Vorderzähne, er sieht damit aus wie ein Kaninchen. Ich binde meine Turnschuhe neu, damit ich mein Lachen zurückhalten kann.

Sie gehen in eine andere Richtung, der schwarze Hund und der Mann. Wir laufen noch eine Weile. Die Leute werden wach und erscheinen zahlreich im Wald. Jogger: „Grüezi, guten Morgen.“, Radfahrer, „Danke. Grüezi.“ (Das Danke gilt mir, weil ich den Hund ins ‚Fuss‘ nehme, wenn wir kreuzen.)
Wir bekommen Hunger und laufen heim. Mit der Kaffeetasse in der Hand, die mit den Sternen auf schwarzem Grund, stelle ich mich unter die mysteriöse Ecke. Starre hoch mit fragendem Blick. Nach einer Weile kommt mein Wolf hinzu, er schaut mich neugierig von der Seite an, dann kurz zur Ecke empor. Schliesslich trottet er an seinen Lieblingsplatz, lässt sich fallen, schläft kurz darauf ein.

Was auch immer dort ist, es taucht nur zu bestimmten Zeiten auf. Heute ist es nicht hier.
Manchmal wüsche ich mir die Sinne eines Hundes. Oder auch nicht. Aber das weiss ich erst, wenn ich es getestet habe.

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